Alexander Bagus: Uni Würzburgs rechtsoffener Senator

Alexander Bagus, Mitglied der FDP-nahen „Liberal[en] Hochschulgruppe“ (LHG),  wurde am 02. Juli 2013 als einer von zwei Studierenden in den Senat der Universität Würzburg gewählt. Erschreckenderweise schreibt Bagus seit Jahren Artikel für die rechte Zeitung „Junge Freiheit“ (JF).

Für alle, die sich nichts unter der JF vorstellen können: „Die Junge Freiheit (JF) gilt als Hauptorgan und Sammelbecken der Neuen Rechten“, schreibt das Projekt „Mut gegen rechte Gewalt“.  In einem Brief von Wissenschaftler_innen, Politiker_innen und Gewerkschaftler_innen an die Süddeutsche Zeitung heißt es ferner:

Sie ist in der Grauzone zwischen Neokonservatismus und Neofaschismus beheimatet und arbeitet seit zwei Jahrzehnten an der historischen Legende einer „sauberen deutschen Rechten“ jenseits der NSDAP. […] Sie verbreitet geschichtsrevisionistische Thesen und stellt die Ergebnisse der historischen Forschungen zur Vernichtung des europäischen Judentums in Abrede. So ergriff sie nicht nur Partei für den Holocaustleuger der fundamentalistischen Pius-Bruderschaft, Bischof Richard Williamson, sondern verbreitet, die Ergebnisse der Erforschung des Holocausts seien „von wissenschaftsfremden Kräften vorgegeben“ (JF 8/2009). […] Ihre außenpolitische Programmatik wäre, sollte sie jemals umgesetzt werden, eine Gefahr für den Frieden in Europa.

Bekannt ist die JF auch für das Schalten von Anzeigen für rechte Organisationen und Parteien, wie die bpb feststellt.

Vor diesem Hintergrund ist es bezeichnend, dass Alexander Bagus sogar noch 2013 einen Artikel für die JF über Verschlüsselung schrieb [1]. Insgesamt finden sich 16 von Bagus verfasste oder mitverfasste Artikel im Archiv der JF, die aus den Jahren 2004 bis 2013 stammen [2]. Außerdem war er 2006 einer von 1500 Unterzeichnenden eines „Appells“ gegen die Ausladung der JF durch die Leipziger Buchmesse [3].

JF-Autor Bagus

2009 schrieb Bagus für die JF einen Kurzbericht über einen Vortrag von Jürgen Liminiski (ebenfalls JF-Autor) vor der Burschenschaft Arminia in Würzburg [4]. Bagus näherte sich den Thesen von Liminski mit folgenden Worten: „Eigentlich sollten Journalisten ja die Vermittler der Wahrheit sein. Wer aber den Worten des Journalisten, Publizisten und Buchautors Jürgen Liminski […] lauschte, mußte eher zu einem anderen Schluß kommen“. Diese Formulierung legt nahe, dass Bagus die Schlussfolgerung von Liminski teilt und sie mit seinem Artikel Leser_innen nahe bringen möchte. Weiter schreibt Bagus:

„Pilatisten, die sich opportunistisch dem Geschrei der Menge wie Pilatus im Falle Jesu unterwerfen, sind für Liminski die Träger der Skandale im bürgerlichen wie rechten Lager. Das einschneidende Ergebnis: Ein Wort wie „Autobahn“ genügt zum (geplanten) Rauswurf einer Eva Herman aus einer bundesweiten Talkshow.“

Zur Erinnerung: Eva Herman hatte damals mit ihrem Autobahn-Vergleich versucht, ihre Anwendung des Begriffs „Gleichschaltung“ auf die heutige Medienlandschaft zu rechtfertigen.

2010 erschien der Artikel „Stille Solidarität“ [5]. Hier berichtet Bagus, wieder einmal völlig unkritisch, über einen „Schweigemarsch“ in Würzburg zum Gedenken an in Afghanistan getötete deutsche Soldaten. Unter seinem Artikel wird direkt zur Bestellung der gelben Schleife beim „NATO-Shop-Nord“ verwiesen. Darauf folgt für „weitere Informationen“ noch ein Link zum Blog „Soldatengedenken“ des Demo-Anmelders Torsten Heinrich (Funfact: Ebendieser ist derzeitiger Vorsitzender der unterfränkischen AfD).

Internetkanzler Bagus

2005 wurde Alexander Bagus von der Politcommunity „dol2day“ zum „Internetkanzler“ gewählt. In der JF wurde daraufhin von einem anderen Autor ein Artikel über diese „Wahl“ und der Kritik an dem Umstand, dass Bagus für die JF schreibt, veröffentlicht [6]. Bagus, damals noch CSU-Mitlied, antwortete fleißig auf Fragen der JF. Und zeigte sein fehlendes Problembewusstsein gegenüber rechter Ideologie. Zitate von Bagus aus dem JF-Artikel: „Wieso sollen sich eine Tätigkeit für die JF und ein liberaler politischer Standpunkt gegenseitig ausschließen?“, „Wieso soll es keinen rechten Kanzler geben dürfen? Wo ist das Problem?“
Vor der JU Nördlingen äußerte sich Bagus 2005 ebenfalls zu seiner „Wahl“ zum „Internetkanzler“. Zitat aus einem Artikel der JU Nördlingen:

„Kritisch beleuchtete der Kanzler die Entwicklung seiner Community und bemängelte den unterschiedlichen Umgang mit Links- und Rechtsextremen. Während man versuche, letztere auszugrenzen, werden erstere, die keinen Deut besser seien, mit eingebunden und erhalten mehr Rechte. So würden nationalistische Parteien verboten werden, während man eindeutige, linke Staatsfeinde frei agieren lasse. Bagus verurteilte jede Art von Parteienverbote gerade in einer Politiksimulation wie dol2day; sprach sich aber auch klar dafür aus, dass wenn Verbote für die eine Seite des politischen Spektrums ausgesprochen werden, die andere nicht verschont werden dürfe.“

Extremismustheoretiker Bagus

Dieses Zitat zeigt bereits 2005 die typische Struktur der extremismustheoretischen Argumentation von Bagus: Er verweist auf Engagement gegen Rechts, nur um dann darauf zu drängen, dass gegen den „Linksextremismus“ doch genauso vorgegangen werden müsste. Hier allerdings noch garniert mit der Aussage, dass er den Ausschluss von Nationalist_innen aus einem Politikspiel sowieso als ein angebliches Parteiverbot ablehnt.

2013 lässt er sich dann in einer PM der LHG folgendermaßen zitieren: „wer keinen braunen Mob am Untermain will, darf auch den roten weder gut heißen noch tolerieren“. Brauner Mob, Roter Mob. Für Bagus dasselbe, bzw. die als „roter Mob“ Bezeichneten die eigentlich unterschätzte Gefahr. Beim „roten Mob“ ging es im Zitat übrigens um Farbangriffe auf Verbindungshäuser und den sogenannten Studentenstein. Bei einem „braunen Mob“ besteht nach meinem Verständnis des Begriffs im Allgemeinen akute Gefahr für das Leben von Betroffenen rechter Ideologie.

Im bald zuende gehenden Sommersemester verwendete Bagus große Anstrengungen darauf, zwei Mitglieder des SSR, die auf einem Gruppenfoto ein Antifa-T-Shirt trugen, sowie die linke Hochschulgruppe SDS zu diffamieren. In einer von Bagus mitherausgegebenen gemeinsamen PM mit dem RCDS wird als Motto einer Aktion gegen den SDS die Phrase „Würzburg ist bunt, nicht rot!“ genannt. Unter demselben Titel existiert auch eine Facebookseite. Dies ist eine direkte Anspielung auf den Protest gegen das „Freie Netz Süd“ (FNS), ein Verband militanter Nazikameradschaften. Gegen dessen Aufmarsch am 1.Mai in Würzburg gab es eine Demo mit mehreren tausend Teilnehmenden unter dem Motto „Würzburg ist bunt, nicht braun!“. In besagter PM von LHG und RCDS wird diese Gleichsetzung sogar explizit propagiert:

In Anlehnung an die Demonstrationen vom 1. Mai gegen Rechtsextremisten wurde deutlich gemacht, dass auch Linksextremisten in Würzburg und an der Universität nicht willkommen sind.

Das von Bagus mit Anti-Extremismus-Stoppschild um den Hals beschallte Häufchen von ein paar Leuten aus LHG, RCDS und Verbindungen, das gegen eine Kundgebung des SDS auftrat, verstand sich also ernsthaft als Äquivalent zu den massiven Protesten gegen einen Aufmarsch der Nazis vom FNS.

Es sei schließlich noch erwähnt, dass Bagus selbst bei der „Landsmannschaft Teutonia Würzburg“ (LT) ist. Dabei handelt es sich um eine pflichtschlagende und farbentragende Studentenverbindung im Verband „Coburger Convent“. Die fehlende Abgrenzung der LT nach rechts wurde laut verlinktem Blogbeitrag im Wintersemester 2007/2008 deutlich, als sie einen rechtspopulistischen „Islamkritiker“ ausgerechnet zum Islam referieren lies.

Fazit

Ich kann nur hoffen, dass der nächste SSR diesen rechtslastigen Senator konsequent isoliert. Dass so einer Vorstandsvorsitzender der bayerischen LHG ist und nun für die Studierenden im Senat der Universität Würzburg sitzt, ist bereits schlimm genug. Eine Zusammenarbeit wäre ein katastrophales Signal.

Übrigens: Als Ex-„Internetkanzler“ hat der neue Senator jetzt natürlich auch einen Twitteraccount. Und solidarisiert sich dort umgehend mit Jan Fleischhauer gegen eine angebliche „Genderdiktatur“, die Bagus wohl glaubt, auch an der Uni vorzufinden, in deren Senat er nun sitzt. Gute Nacht.



JF-Quellen (verlinke ich nicht):

[1] Bagus, Alexander: "Mitlesen unerwünscht", Artikel vom 29.03.2013. Junge Freiheit, Ausgabe 14/13. Abgerufen im Archiv der JF auf deren Website.
[2] Suche im Archiv der JF. Abgerufen auf der Website der JF, Unteradresse /Archiv.611.0.html mit Eingabe 1. Suchbegriff: "Alexander" "und" 2. Suchbegriff: "Bagus"
[3] Unbekannt: "Danke!", Artikel vom 17. Februar 2006. Junge Freiheit, Ausgabe 08/06. Abgerufen im Archiv der JF auf deren Website.
[4] Bagus, Alexander: "Der Journalismus... und die Wahrheit", Artikel vom 08. Mai 2009. Junge Freiheit, Ausgabe 20/09. Abgerufen im Archiv der JF auf deren Website.
[5] Bagus, Alexander: "Stille Solidarität", Artikel vom 21. Mai 2010. Junge Freiheit, Ausgabe 21/10. Abgerufen im Archiv der JF auf deren Website.
[6] Wartz, Holger: "Sturm im virtuellen Wasserglas", Artikel vom 08. Juli 2005. Junge Freiheit, Ausgabe 28/05. Abgerufen im Archiv der JF auf deren Website.

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Meine „Zwangsstörung“

Triggerwarnung: Zwangssymptome, unter anderem mit sexuellem Hintergrund

Ich schreibe vor allem in der Vergangenheit, weil die typische Symptomatik einer „Zwangsstörung“ heute bei mir keine allzu große Rolle mehr spielt. Wahrscheinlich liegt das vor allem an der Medikation, die ich nehme (Sertralin) und an der vergangenen jahrelangen Therapie bei einem Jugendpsychiater.

Die beiden charakteristischsten Gruppen von Symptomen sind Zwangsgedanken und Zwangshandlungen. Bei Zwangsgedanken dachte ich (an) Dinge, (an) die ich nicht denken wollte. Oftmals habe ich bewusst, aber meist erfolglos und kontraproduktiv, versucht, diese Gedanken zu unterbinden. Manchmal habe ich mich über mich selbst erschrocken, dass ich sowas denke. Und häufig habe ich mich allein für diese Gedanken schuldig gefühlt. Zwangshandlungen dagegen sind Dinge, die ich aufgrund des inneren Zwangs tun musste. Bis ich diese Handlungen erfüllt hatte, konnte ich oft nicht aufhören, daran zu denken, hatte auch häufig Schuldgefühle und habe befürchtet, dass schlimme Dinge passieren, wenn ich es nicht tue.

Ich kann mich nicht mehr genau erinnern, wann die ersten Symptome losgingen. Was ich jedenfalls schon relativ früh hatte (weit bevor die Diagnose gestellt wurde oder ich wusste, was eine „Zwangsstörung“ überhaupt ist), mindestens schon in der Grundschule, waren Zwangsgedanken, die sich z.B. gegen meinen damaligen Glauben richteten oder bei denen ich rein gedanklich unfreiwillig Wetten mit schlimmen Einsätzen ‚abgeschlossen‘ habe.

Auch in der Grundschule hatte ich die Zwangshandlung, dass ich meinen Eltern v.a. nach der Schule alles mögliche beichten musste, was oft in Konflikt damit geriet, dass mir auch vergleichsweise viele Dinge peinlich waren.

Da ich mit meinen Eltern in einem Reihenhaus mit Gasheizung lebte, hatte ich auch sehr lange häufig Angst, dass Gas austreten und es zu einer Explosion kommen könnte. Deswegen kam es oft zu einem Kontrollzwang, nämlich, dass ich meine Eltern dazu anhielt, zu prüfen, ob im Heizraum alles ok ist. Ich hab selbst ständig in den Räumen mit Gasleitungen gerochen, ob ich den dem Heizgas beigemischten Geruchsstoff wahrnehme. Bei solchen Kontrollzwängen hab ich im Nachhinein oft meiner eigenen Erinnerung oder Wahrnehmung nicht getraut, was zu Sorgen und Nachkontrollen führte. Mit der Zeit kamen weitere Kontrollzwänge hinzu, wie z.B. ob Wecker richtig gestellt sind, ob das Licht nach dem Verlassen eines Raumes aus ist, ob die Schultasche richtig gepackt ist. Besonders tückisch waren Kontrollzwänge, bei denen ich Sorgen hatte, dass ich etwas Schlimmes oder Gefährliches bemerkt, v.a. gesehen, hatte. Es gab Zeiten, in denen ich an keinem Auto vorbeigegehen konnte, ohne hineinzusehen, ob darin etwas Schlimmes ist. Einmal hatte ich Angst, gesehen zu haben, dass sich der an der Decke in einem Klassenzimmer befestigte Fernseher bewegt habe. Bevor ich mich traute, das meiner Lehrerin zu sagen, habe ich mir Vorwürfe gemacht, dass ich, wenn ich es nicht tue, Schuld bin, wenn der Fernseher runterfällt und ein Mensch verletzt wird.

Irgendwann hat sich auch ein Wasch- bzw. Putzzwang entwickelt (einen Ordnungszwang hatte ich aber nie). Dabei hatte ich dann z.B. bei Anfassen bestimmter Dinge (auch z.B. Batterien) ein Gefühl von ’schmutzigen‘ Händen und zum Teil Sorge, Keime oder giftige Stoffe zu übertragen bzw. auf Flächen zu hinterlassen, die andere Menschen berühren könnten. Aber auch mögliche Spuren eigenen Spermas nach Masturbation bereiteten mir Sorgen (ich weiß nicht mehr genau, in welchen Zeiträumen das eine Rolle spielte), eines der besonders stark mit Schamgefühlen belegten Symptome.

Viel geholfen hat mir 2006 ein dreimonatiger stationärer Aufenthalt in der Jugendpsychiatrie in Würzburg. Dort begann dann auch meine Medikation. Mein Waschzwang war danach nahezu überwunden und auch die anderen Sachen wurden besser. Ein bis zwei Jahre nach dem Aufenthalt habe ich wegen der Verbesserung in Absprache mit meinem Jugendpsychiater die Medikation wieder abgesetzt.

2009 kam es zu einem starken ‚Rückfall‘, der vor allem auch mit dem enormen Druck zu tun hatte, den ich mir selbst wegen meiner Facharbeit am Gymnasium machte. Zum Ende der Arbeit hatte ich enorme Ängste, Fehler bei den Quellenangaben gemacht zu haben. Das ging soweit, dass ich mich nach Abgabe einige Zeit lang nicht mehr traute, in die Arbeit hineinzusehen, aus Angst, dass mir ein Fehler ‚ins Gesicht springt‘ (Redewendung). Dennoch hatte ich in den Wochen nach der Abgabe immer wieder Sorgen, dass etwas falsch ist und nachträglich korrigiert werden muss. Als ich meinem Psychiater die Facharbeit einige Zeit später per Email geschickt habe, habe ich ihn darauf hingewiesen, dass er mich unter keinen Umständen über Fehler, gleich welcher Art, informieren soll. Dies würde nur meinen Zwang wieder auslösen, schrieb ich.

Leider kam in der Zeit nach der Abgabe viel von meiner Zwangssymptomatik zurück, vor allem Kontrollzwänge. Es war heftig. Ich kann mich gut erinnern, dass ich einmal mit dem Fahrrad außerhalb der Stadt unterwegs war und alle paar Meter anhalten musste, weil ich Angst hatte, etwas bedenkliches gesehen zu haben. Ich war verzweifelt und wusste gar nicht mehr, wie ich so überhaupt noch heim kommen sollte.

Dank häufigerer Therapiesitzungen in der Krisenzeit und Wiederaufnahme der Medikation, die seither bis heute anhält, ließ sich dieses Ausmaß wieder eindämmen. Ich habe allerdings auch eine Ferienarbeit, die ich 2010 zwischen Schule und Studium in einer Elektronikfabrik machte, ein paar Tage vorzeitig wegen psychischer Belastung abgebrochen. Ich hatte während der Arbeit unter anderem Angst, dass ich einen Fehler machen könnte, aufgrund dessen die Sicherheitselektronik in einem zukünftigen Auto versagt. Am letzten Tag war ich dann so mit den Nerven durch, dass ich das Gefühl hatte, nicht mehr überblicken zu können, was ich gerade tue.

In meiner Studienzeit spielten und spielen Zwangshandlungen und Zwangsgedanken keine mit den zuvor geschilderten Zeiten vergleichbare Rolle mehr. Es gibt aber Situationen, in denen ich merke, dass das Risiko weiterhin besteht. Es gibt Verhaltensweisen, die für mich weiterhin völlig normal scheinen und die sich auf Zwangssymptome zurückführen lassen. Z.B. versuche ich nach dem Zudrehen einer Flasche diese noch weiter zuzudrehen, obwohl ich schon gespürt habe, dass sie zu ist. Ebenso gehe ich davon aus, dass meine Probleme damit, schnelle Entscheidungen zu treffen, damit zu tun haben. Was wiederum wahrscheinlich neben anderen Faktoren zu meinen Schwierigkeiten bei der Auswertung physikalischer Versuche an der Uni beiträgt. Formulare/Anträge auszufüllen finde ich auch immer sehr unangenehm, weil ich mir Sorgen mache, Falschangaben zu machen und deswegen Probleme zu bekommen. Ich denke, vor allem nach den Erfahrungen in der Elektronikfabrik, dass einige (Erwerbs-) Tätigkeiten auf absehbare Zeit für mich nicht in Frage kommen werden, weil die psychische Belastung und vor allem die Rückfallgefahr zu hoch wären. Wie es ohne Medikation aussähe, weiß ich nicht, ich habe aber auch erstmal nicht vor, das auszuprobieren. Schließlich ging das letztendlich schonmal schief.

Im Moment ist „Zwangsstörung“ meine einzige Diagnose. Ich bin aber skeptisch, ob sich meine psychischen Probleme allein damit beschreiben lassen. Vor allem was plötzliche Anfälle von Hoffnungslosigkeit und meine Schwierigkeiten in der sozialen Interaktion angeht, denke ich, dass da noch anderes in Frage kommt. Das hoffe ich in naher Zukunft noch besser abklären zu können.

Dieser Text besteht aus drei Antwortteilen (eins, zwei und drei), die ich auf eine Frage von @TheGurkenkaiser bei ask.fm gegeben habe.

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Offener Brief an den Würzburger Oberbürgermeister Georg Rosenthal

Der unglaubliche Kevin Culina hat, nachdem ich zuvor die abfälligen Äußerungen des Würzburger Oberbürgermeisters Georg Rosenthal gegenüber der Ausweitung der Proteste der iranischen Asylsuchenden in Würzburg via Twitter angeprangert hatte, einen Offenen Brief diesbezüglich entworfen, den ich zusammen mit über 100 Unterschriften heute um ca. 10.15 Uhr in Begleitung von Jan Bühler (als Zeuge) im Direktorium des Rathauses Würzburg abgeben konnte. Herr Rosenthal war zwar nicht im Haus und ist laut Auskunft der Mitarbeiterinnen im Direktorium auch heute den ganzen Tag unterwegs, aber mir wurde versichert, dass er den Brief zügig erhält und lesen kann, indem er eingescannt und zur mobilen Lektüre zugeschickt wird.

Sehr geehrter Herr Rosenthal,

mit Bedauern und Unverständnis haben wir die von Ihnen getätigten Äußerungen gegenüber Vertreterinnen und Vertretern der Presse aufgenommen, die die Ausweitung des Protests der iranischen Asylsuchenden in Würzburg als “so nicht mehr hinnehmbar” bezeichnen.

Menschen, die vor unter anderem politischer Verfolgung, einem Leben in Angst und Armut aus ihrer Heimat fliehen, um Schutz, Freiheit und Frieden zu finden, haben ein Recht darauf, dass ihnen geholfen wird. Die Art und Weise, wie in Europa, allen voran den Staaten der Europäischen Union, mit solchen Menschen umgegangen wird, ist mit den Menschenrechten nicht zu vereinbaren.

Gerade Bayern ist kein Musterbeispiel für gute und menschenwürdige Behandlung von Flüchtlingen.

Wie Sie wissen, demonstriert eine Gruppe von iranischen Flüchtlingen und deren Unterstützerinnen und Unterstützern bereits seit über 90 Tagen in der Würzburger Innenstadt für eine humanere Behandlung, sowie ein Ende des Lagerzwangs, der Abschiebehaft und der Residenzpflicht.
Wir, Menschen aus ganz Deutschland, die sich mit den Protesten der Flüchtlinge in Würzburg verbunden und solidarisiert fühlen, teilen diese Anliegen vollstens und bitten Sie mit diesem Schreiben darum, sich stärker mit den Asylsuchenden in Verbindung zu setzen, sich als Oberbürgermeister aller in Würzburg lebenden Menschen dafür einzusetzen, dass ein menschenwürdiges und friedvolles Leben in Ihrer Stadt möglich und gewünscht ist.

Die Radikalisierung des Protestes, die sich nach dem Hungerstreik nun auch durch das zusätzliche Zunähen der Münder ausdrückt, ist für uns nur ein Zeichen der Hilflosigkeit und Dringlichkeit, die in dieser Problematik offensichtlich sind.
Diese Menschen fürchten sich vor einer Abschiebung in Orte, die sie aufgrund von Bedrohung, Armut und Existenzangst, trotz Gefahr und Ungewissheit, verlassen haben. Die Ausweitung der Proteste jetzt als “nicht mehr hinnehmbar” zu bezeichnen zeigt das Unverständnis, das für Flüchtlinge alltäglich ist, sehr deutlich auf.

Bitte versetzen Sie sich in die Lage der Schutzsuchenden und stellen sich deren Verzweiflung vor, die sie zu solchen Aktionen und den damit verbundenen Schmerzen greifen lässt. Dies machen sie nicht aus Spaß, sondern um auf sich, ihre Probleme und auf ihr Schicksal aufmerksam zu machen.
Für sie sind die Umstände, die Repressalien und die täglichen Diskriminierungen, denen sie ausgesetzt sind, nicht mehr hinnehmbar, deshalb greifen sie zu solchen Protestformen.

Wir bitten Sie, Herr Oberbürgermeister Rosenthal, zum Einen, Ihre getätigten Aussagen bezüglich des Protestes der Asylsuchenden zu überdenken und sich dafür öffentlich zu entschuldigen.
Desweiteren fordern wir sie dazu auf, sich mit den protestierenden Menschen in Verbindung zu setzen, sich deren Forderungen und Wünsche anzuhören und diese sowohl ernst zu nehmen, als auch an deren politischer Umsetzung mitzuwirken.

Die Stadt Würzburg bewirbt sich gegenüber Touristen mit dem Slogan “Welterbe. Weingenuss. Wohlgefühl” und aufgrund vieler “Menschen aus vielen Nationen” als “Stadt der Vielfalt”.
Wir bedauern es sehr, dass dieses Wohlgefühl anscheinend nicht uneingeschränkt und für alle Menschen seine Gültigkeit hat. Es ist auch an Ihnen, dem selbstgemachten Image und dem Werbeslogan gerecht zu werden.
Auch sollten Sie sich fragen, ob Sie mit Ihren Äußerungen und dem Umgang der Stadt Würzburg mit den Flüchtlingen Ihrer so beworbenen “Antidiskriminierungsarbeit” gerecht werden.

Flucht ist kein Verbrechen und Menschenrechte haben für jeden Menschen ihre vollste Geltung. Bitte denken Sie daran, bevor Sie erneut solch verletzende Äußerungen tätigen, und handeln Sie danach.

Kein Mensch ist illegal.

Mit freundlichen Grüßen,

Die Unterstützerinnen und Unterstützer dieses Offenen Briefs:

1. Kevin Culina, Vorsitzender Kreisverband Offenbach-Land der Piratenpartei Deutschland, Dreieich (Hessen)
2. Andreas Preiß, Würzburg (Bayern)
3. Fabio Reinhardt, Mitglied des Abgeordnetenhauses, Berlin
4. Peter Wenz, Frankfurt am Main (Hessen)
5. Andrea Jonjic (Hessen)
6. Xenia Miheeva (Berlin)
7. Christina König, Beisitzerin im Bundesvorstand der Jungen Piraten, Gießen (Hessen)
8. Julia Reda, Mainz (Rheinland-Pfalz)
9. Yannis Illies, Dreieich (Hessen)
10. Biggi Datzer, Offenbach (Hessen)
11. Jan Wartenberg (Bayern)
12. Juergen Erkmann, Frankfurt (Hessen)
13. Birgit Simon (Hessen)
14. Gregory Engels, Stadtverordnerter, Offenbach am Main (Hessen)
15. Katrin Hilger, Frankfurt (Hessen)
16. Wolfgang Raul, Wiesbaden (Hessen)
17. Jan Schejbal, Frankfurt (Hessen)
18. Deniz Yildirim, Kelsterbach (Hessen)
19. Nadine Krämer, Dreieich (Hessen)
20. Doris Auer, Frankfurt am Main (Hessen)
21. Jelena Gregorczyk, Darmstadt (Hessen)
22. Stephan Urbach (Berlin)
23. Bernd Preißmann, Aarbergen (Hessen)
24. Kai Möller, stellvertretender Vorsitzender des Landesverbands Hessen der Piratenpartei Deutschland (Hessen)
25. Jan Leutert, (Hessen)
26. André Hoffmann, Rüsselsheim (Hessen)
27. Florian Stascheck, Darmstadt (Hessen)
28. Benjamin Dobeck, Reichelsheim/Odw. (Hessen)
29. Michael Palm, Bad König (Hessen)
30. Oliver Dietz, Karben (Hessen)
31. Julia Schramm, Mitglied im Bundesvorstand der Piratenpartei Deutschland (Berlin)
32. Roland Waldhoff, Michelstadt (Hessen)
33. Thumay Karbalai Assad, Marburg (Hessen)
34. Landesverband Hessen der Piratenpartei Deutschland
35. Anne Pohl, Nürnberg (Bayern)
36. Aleksej Darscht, Landkreis Schweinfurt (Bayern)
37. Alexander Schnapper, Frankfurt (Hessen)
38. Michael Kindermann, Würzburg (Bayern)
39. Olaf Finkbeiner, Frankfurt am Main (Hessen)
40. Madeleine Baldauf, Weimar (Thüringen)
41. Beate Kesper, Bezirkssekretärin Unterfranken der Piratenpartei Deutschland (Bayern)
42. Tilman Beitter, Ochsenfurt, Unterfranken (Bayern)
43. Lena Rohrbach (Berlin)
44. Andreas Pittrich (Berlin)
45. Jan Bühler, Stellvertretender Vorsitzender des Bezirksverbands Unterfranken der Piratenpartei Deutschland, Würzburg (Bayern)
46. Sebastian Greiner, Frankfurt (Hessen)
47. John Martin Ungar
48. David Dorst, Ehingen (Baden-Württemberg)
49. Jürgen Köhler, Marburg (Hessen)
50. Yannick Schäfer, Rodgau (Hessen)
51. Maximilian L. G. Dachs, Ingolstadt (Bayern)
52. Christian Schwarz, Karlsruhe (Baden-Württemberg)
53. Christophe Chan Hin, Mannheim (Baden-Württemberg)
54. Christoph Hampe, Kreistagsabgeordneter Offenbach-Land, Rodgau (Hessen)
55. B. Probst, Großpösna (Sachsen)
56. Miriam Lakemann (München)
57. Vecih Yasaner, Kreistagsabgeordneter Offenbach-Land und Stadtverordneter Dietzenbach (Hessen)
58. Stefan Schimanowski, Frankfurt (Hessen)
59. Lisa Süß, Dreieich (Hessen)
60. Annika Funke, Frankfurt (Hessen)
61. Jens Jason Beringer, Ladenburg bei Heidelberg (Baden-Württemberg)
62. Benjamin Stöcker, Bischberg
63. Florian Pechwitz, Würzburg (Bayern)
64. Thomas P. (Berlin)
65. Bernhard Hanakam, stellv. Vorsitzender Kreisverband Bayreuth der Piratenpartei Deutschland
66. Alexander Triebull (Hamburg)
67. Andreas Backes, Morbach (Rheinland-Pfalz)
68. Jennifer Schnelle, Hannover (Niedersachsen)
69. Fabian Pack, Ladenburg (Baden-Württemberg)
70. Anne Helm, Bezirksverordnete der Piratenfaktion Neukölln (Berlin)
71. Franz Hinterkofler, Grabenstätt (Bayern)
72. Brigitte Janson, München (Bayern)
73. Benjamin Pampel, Darmstadt (Hessen)
74. Isabelle Sattig, Dieburg (Hessen)
75. Alina Friedrichsen (Berlin)
76. Fritz Letsch, Valley / München (Bayern)
77. Eva Onkels, Aachen (NRW)
78. Philipp Neumann, Dietzenbach (Hessen)
79. Uwe Köhler, Beisitzer im Kreisverband Bamberg der Piratenpartei Deutschland, Bamberg (Bayern)
80. Sebastian Richter (Berlin)
81. Valentin Schmidt (Berlin)
82. Robert Krause, Wiesbaden (Hessen)
83. Dirk Kuhlemann, Eschenburg (Hessen)
84. Mareike Peter (Berlin)
85. Mirjam Sturmann-Püttcher , Bad Salzuflen (Nordrhein-Westfalen)
86. Karlheinz Zoth, Mühlheim am Main (Hessen)
87. Heike Palm (Nordrhein-Westfalen)
88. Peter Kürschner, Neu-Isenburg (Hessen)
89. M. Hamel, Frankfurt am Main (Hessen)
90. Ann Contu, Halver (Nordrhein-Westfalen)
91. Roland Fuchs, Marburg (Hessen)
92. Martin Kliehm, Stadtverordneter, Frankfurt am Main (Hessen)
93. Nils Neumann, Gießen (Hessen)
94. Judith Vollmond, Würzburg (Bayern)
95. Bert Knoop, Langen (Hessen)
96. Fabian Drywa, Darmstadt (Hessen)
97. Barbara Hampf (Berlin)
98. René Waller, Kreistagsabgeordneter Main-Kinzig-Kreis, Hanau (Hessen)
99. Andreas Teuber (Hessen)
100. Sascha Brandhoff, Kreistagsabgeordneter Waldeck-Frankenberg, (Hessen)
101. Jens Christoph Steltner, Marburg (Hessen)
102. Peter Lutz, Zweiter Vorstand Piraten-Hochschulgruppe Passau, Passau (Bayern)
103. Lars Zillger, politischer Geschäftsführer Bezirksverband Unterfranken der Piratenpartei Deutschland, Würzburg (Bayern)
104. Simon Klages, Langen (Hessen)
105. Stefan Klatt, Frankfurt am Main (Hessen)

Wenn ihr helfen wollt, die derzeit leider oftmals menschenunwürdige Situation der Flüchtlinge in Deutschland zu verbessern, unterzeichnet bitte die Petition eines Würzburger Asylsuchenden an den Petitionsausschuss des Deutschen Bundestags und leitet sie an soviele Leute wie möglich weiter.

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Antidiskriminierungsbeauftragte für die Piratenpartei

Gestern habe ich im LiquidFeedback der Piratenpartei Deutschland eine Initiative gestartet, deren Ziel es ist, ein Meinungsbild pro Ernennung von Antidiskriminierungsbeauftragten einzuholen. Sie lautet wie folgt:

Initiative: ‚Ernennung von Antidiskriminierungsbeauftragten‘

Sowohl der Bundesverband als auch jeder Landesverband der Piratenpartei Deutschland soll, je nach zu erwartender Arbeitslast, ein oder mehrere Antidiskriminierungsbeauftragte ernennen. Dabei soll es sich um Mitglieder der Piratenpartei Deutschland handeln, die kein innerparteiliches Amt und kein politisches Mandat innehaben. Es sind diejenigen Personen zu bevorzugen, die über Fachwissen über bzw. Erfahrungen mit diskriminierenden Strukturen verfügen.

Das Ziel der Beauftragten ist es, Rassismus, Sexismus, Homophobie, Ableismus, Transphobie, Lookism, Klassismus und jegliche weitere Form von Diskriminierung innerhalb der Piratenpartei zu bekämpfen. Sie sind Ansprechpartner_innen für Opfer und Zeugen von Diskriminierung innerhalb der Piratenpartei, bereiten falls notwendig Ordnungsmaßnahmen gegen Personen vor, die diskriminierendes Verhalten an den Tag legen und koordinieren bzw. unterstützen generell Maßnahmen gegen Diskriminierung in der Partei. Dazu gehört es auch, Richtlinien zu entwerfen, wie Sensibilität für diskriminierende Mechanismen erreicht und ihnen vorgebeugt werden kann, sowie anschließend die Einhaltung dieser Richtlinien zu überprüfen. Des Weiteren ist darauf hinzuwirken, dass die Teilhabe in der Piratenpartei frei wird von Barrieren und sozialen Hürden.

Die Beauftragten eines Verbandes veröffentlichen jährlich einen gemeinsamen Bericht, in dem Erfolge wie Misserfolge ihrer Tätigkeit sowie weiterhin bestehende Probleme ausführlich darzulegen sind.

Begründung

Die Piratenpartei Deutschland braucht ein geordnetes Vorgehen gegen Diskriminierung. Ein Klima, in dem Menschen, die auf Diskriminierung und deren Relativierung aufmerksam machen, oftmals als parteischädigend bezeichnet oder empfunden werden, macht es erforderlich, dass sich von offizieller Seite dieses Problems angenommen wird. In diesem Zusammenhang ist auch die Lektüre des „Offene(n) Brief(s) der Jungen Piraten an die Piratenpartei“ vom 6.April 2012 empfehlenswert: https://junge-piraten.de/2012/04/06/offener-brief-der-jungen-piraten-an-die-piratenpartei/

Die Forderung, Beauftragte sowohl im Bundesverband als auch in den Landesverbänden zu ernennen, erklärt sich damit, dass Opfern von Diskriminierung so mehr Freiheit in der Wahl der Ansprechpartner_innen gegeben würde. Des Weiteren ergibt sich daraus automatisch eine Art von Arbeitsteilung. Für die Gliederungen unter den Landesverbänden wird zunächst keine Forderung aufgestellt, da einerseits nicht sichergestellt ist, dass diese die personellen Kapazitäten haben, um die Beauftragung sinnvoll zu vergeben und andererseits, dass dort eine hinreichende, öffentliche Kontrolle der Tätigkeit der Beauftragten stattfindet. Daher erscheint es sicherer, zunächst bei den oberen Gliederungen zu beginnen.

Das Konzept der ‚Vertrauenspiraten‘, wie es in manchen Verbänden existiert, macht Antidiskriminierungsbeauftragte dort weder überflüssig noch wird es selbst überflüssig, wenn Antidiskriminierungsbeauftragte ernannt werden. ‚Vertrauenspiraten‘ können eher Streitschlichter_innen und allgemeine Ansprechpartner_innen bei als vertraulich empfundenen, sozialen Problemen sein, während bei Antidiskriminierungsbeauftragte der Einsatz gegen Diskriminierung und die Perspekive der Opfer von Diskriminierung ganz klar im Mittelpunkt ihrer ganzen Tätigkeit steht. Bei Überschneidung der Aufgaben kann entsprechend zusammengearbeitet werden.

Worterklärungen: Der Begriff ‚Ableismus‘ bezeichnet Diskriminierung von Menschen mit Behinderung, ‚Lookism‘ bezeichnet „die Stereotypisierung bzw. Diskriminierung aufgrund des Aussehens“ (Zitat von http://de.wikipedia.org/wiki/Lookism), ‚Klassismus‘ bezeichnet die „individuelle, institutionelle und kulturelle Diskriminierung und Unterdrückung aufgrund des tatsächlichen, vermuteten oder zugeschriebenen sozial- oder bildungspolitischen Status“ (Zitat von http://www.unrast-verlag.de/unrast,2,274,7.html).

Updates: Sprachliche Verbesserung; auf Landes- und Bundesverbände beschränkt; Worterklärungen hinzugefügt; Aufgabenstellung präzisiert/erweitert; Erläuterung zum teilweise vorhandenen Konzept der ‚Vertrauenspiraten‘ hinzugefügt

Über Unterstützung, konstruktive Kritik und Anregungen, wie sie auch im LiquidFeedback direkt eingestellt werden können, würde ich mich sehr freuen.

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Piss off, ‚Alpha Boyfriend‘

[Trigger Warning: The links in this post lead to imagery that gloryfies violence against women. Be careful as it might trigger traumatic memories in some people.]

Yesterday, I wrote the following email to the contact address of the website „Memegenerator“:

Dear Sir or Madame,

I urge you to remove an extremely misogynist character called „Alpha
Boyfriend“ from your website:
http://memegenerator.net/alpha-boyfriend
That „meme“ gloryfies violence against women in relationships. I hope very much that you will not tolerate any usage of your website to distribute such works.

With best regards
Andreas Preiß

Well, actually, given the case, this is an utterly friendly version of the tweet I wrote to their Twitter account earlier:

.@memegenerator I urge you to remove that extremely mysogynist shit from your website: http://t.co/7GKJIZ0o

But unfortunately, their account does not seem to be regularly updated, so I decided to write the mail.

As my single voice might not be enough, please consider writing them, too (webmaster@memegenerator.net). The image is also featured on various other websites, so it would also be great if people contacted the most influental redistributers amongst them.

Finally, it should be stated that I am not willing to discuss the evident inacceptability of such an inhuman crap which clearly contains a message so disturbing and harmful that I am simply shocked to see people considering it as ‚fun‘. The only thing I want is to see such things being taken down. Not because of the dangerous illusion that it would ever be possible to remove such things globally and permanently, but because of the urgency of the fight against the overwhelming indifference to acts of misogyny.

Updates: Concreted a statement; added email address of memegenerator

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Fürs Archiv: Schwäche zeigen, Stärke beweisen – Ein etwas anderer Workshop im Rahmen der OpenMind-Konferenz

Dieser Artikel wurde bereits am 23.10.2011 unter „Post Privacy: Schwäche zeigen, Stärke beweisen“ in Telepolis veröffentlicht und stieß auf überwiegend positive Resonanz.

Was ist so ziemlich das letzte, das, wer etwas Erfahrung mit der Diskussionskultur der netzpolitischen Akteure und der Piraten hat, auf einer zukunftsvisionären Konferenz, veranstaltet von der Piratenpartei Hessen, erwarten würde? Bei all den gegenseitigen Anfeindungen bis hin zu Shitstorms auf Twitter und bei all den dahinterstehenden, teilweise fast schon fundamentalen Differenzen liegt mir eine Antwort sehr nahe, nämlich zurückhaltendes Lauschen von persönlichen Schilderungen, gleichberechtigt ausgehend sowohl von normalerweise eher ruhigen als auch von besonders extrovertierten Menschen und durchzogen von oftmals geradezu andächtiger Stille. Doch genau so würde ich die Atmosphäre beschreiben, die ich auf der OpenMind 2011 in Kassel auf einer von mir vorgeschlagenen Session zum Thema „Schwäche zeigen: ‚Menscheln‘ in moderner Öffentlichkeit“, erlebt habe, bei der ich auch auf meine psychische Krankheit zu sprechen kam.

Für mich fing alles mit einer Idee an, die in der Aussicht der bald beginnenden Konferenz langsam herangereift ist. Ich kam nämlich auf den mir damals noch völlig abwegig erscheinenden Gedanken, diese Gelegenheit zu nutzen, etwas öffentlich anzusprechen, was ich viele Jahre lieber verschwiegen hatte: Meine eigene psychische Krankheit. Doch die Motivation, dieses Vorhaben in die Tat umzusetzen, stieg unentwegt und ich begann, mir ernsthaft Gedanken über die Gestaltung zu machen.

Seltsamerweise war dann der Moment, bevor ich mich vor die gut 120 Teilnehmerinnen und Teilnehmer stellte, auch der letzte, bei dem ich wirklich unangenehm aufgeregt war. Einmal das Mikrophon in der Hand und die ersten, halb gestotterten Ansätze überstanden, verschwand die Anspannung schlagartig. So bat ich also darum, mir die Gelegenheit zu geben, gewisse Erinnerungen und Schlussfolgen aus meiner Krankheitsgeschichte in die häufig sehr dogmatisch wirkende Diskussion zur ‚Post-Privacy‘ einzubringen. Der Vorschlag stieß dann glücklicherweise auch auf das für einen Platz im ‚Fahrplan‘ der Konferenz erforderliche Interesse.

Als es dann schließlich soweit war, wir aber noch auf weitere Teilnehmer warten wollten, fiel mir die Ruhe auf, sicher auch bedingt durch die späte der Stunde (das vorgezogene Abendessen hatte den Workshop nach hinten verschoben) und die damit verbundene Dunkelheit, die, in dieser nunmehr von elektrischem Licht beleuchteten Tischrunde in einem überschaubaren Zimmer der Jugendherberge Kassel, eine Atmosphäre erzeugte, die im Rückblick meinem inneren Bild einer Art Selbsthilfegruppe erstaunlich gut entspricht, obwohl ich wirkliche psychotherapeutische Runden bisher eher bei Tageslicht erlebt hatte. Für einen kurzen Moment der Erheiterung sorgte es dann auch, als ich scherzhaft ansprach, wie mich diese Ruhe nervte, noch bevor es eigentlich losging.

Als wir lange genug auf verspätete Teilnehmer gewartet hatten, begann ich dann aber gleich, von meiner Krankheitsgeschichte zu erzählen, davon, wie ich als Teenager darauf reagiert habe, die fachärztliche Diagnose einer schweren Zwangsstörung und einer mittelschweren depressiven Störung in den Händen zu halten, davon, wie das Jugendamt meinen Eltern und mir drohte, notfalls über das Amtsgericht eine Einweisung in eine psychiatrische Klinik zu erwirken, davon, wie gut mir dennoch die Behandlung getan hat, wie sie, zusammen mit jahrelanger Psychotherapie und entsprechender Medikation, mich verändert und mir erst ermöglicht hat, letztendlich die Schule abzuschließen, ein Studium zu beginnen und der Mensch zu sein, der ich heute bin.

Wie ich zu Beginn angekündigt hatte, wollte ich aber auch noch etwas mehr ins Abstrakte überleiten. Daher begann ich, zu beschreiben, wie ich von der ‚Post-Privacy‘- Diskussion mitbekam und vor allem welche Probleme ich damit hatte, nämlich, dass ich es zunächst als Angriff auf diesen Schutzraum sah, welcher mir so wichtig war, als ich noch größte Probleme damit hatte, überhaupt mit anderen über dieses Thema zu reden. Aber gerade in letzter Zeit war mir eben auch der Gedanke gekommen, dass ein offenerer Umgang mit dieser Thematik sowohl mir selbst helfen und gleichzeitig eine Hilfe für andere sein könnte, um zu sehen, dass sie nicht alleine dastehen. Zudem stellte ich mehr und mehr Überlegungen an, wie viel diese Gesellschaft, nicht nur in Bezug auf psychische Krankheiten, noch im Umgang mit Emotionen und individuellen Erfahrungen anderer zu lernen hatte. So vertrete ich auch die Ansicht, dass Mitleid leider oft nur aus einer Projektion eigener Wünsche und Hoffnungen, aber vor allem Sorgen und negativer Erfahrungen heraus entsteht. Wenn ein Individuum z.B. Angst davor hat, eine schwere Krankheit zu erleiden, wird es umso stärker mit denen mitfühlen, die mit diesem Schicksal tatsächlich umzugehen haben, weil es auch wollen würde, dass man in diesem Falle an es denkt und ihm hilft.

Was aber geschieht mit denen, die von Gedanken und Gefühle bewegt werden, die ein Großteil der Bevölkerung nicht im Geringsten nachvollziehen kann? In vielen Fällen, fürchte ich, wird ihnen dieses Unverständnis zu lasten gelegt werden, wird man sie verspotten und ausgrenzen. Es muss sich dabei aber nicht mal um Probleme handeln, eine in den Augen mancher ‚ungewöhnliche‘ Lebensweise reicht, wie viele von uns leider immer wieder spüren müssen, bereits aus, um folgenreiche Abwehrreflexe auszulösen. Hinzu kommt noch die Verdrängung sozialer sowie persönlicher Probleme oder auch nur Eigenheiten, mit der viele Menschen versuchen, vor den individuellen Mühen eines Paradigmenwandels zu fliehen.

Auf ähnliche Art und Weise versuchte ich auch in unserer Diskussion darzulegen, warum wir die Offenheit Einzelner nach unseren Möglichkeiten unterstützen sollten, wenngleich es mir wichtig war, klarzustellen, dass dies auf der Basis einer individuellen, freien Entscheidung geschehen sollte, die informationelle Selbstbestimmung also auch hier im Zentrum stehen muss. Ich wollte dann auch noch darauf eingehen, warum ich denke, dass es von Bedeutung für uns alle ist, dass sich auch unsere sogenannten Führungskräfte als Individuen präsentieren können, sowohl aufgrund der Symbolwirkung als auch deshalb, weil ich denke, dass nur so wirkliche Transparenz, die die Piraten richtigerweise einfordern, möglich wird, aber dieses Thema würde nicht nur in diesem Text zu weit führen, es war mir auch vor Ort durch die vorherigen, emotionalen Schilderungen nicht mehr in konsistenter Form möglich.

Als der Vortrag sich dann durch eine Nachfrage eines Zuhörers wie von selbst öffnete und in eine sehr entspannte und respektvolle Diskussion überging, fingen auch immer mehr Leute an, sich zu ‚outen‘ und von eigenen psychischen Krankheiten sowie Erfahrungen mit Betroffenen zu erzählen, was ich als unschätzbar wertvolle Bestätigung für meinen relativ kurzfristigen Entschluss empfand. Es kam mir auch schlicht deshalb gelegen, weil ich in den vorangegangenen Sessions, vor allem der Runde zum Thema Feminismus/Equalismus, die ebenfalls erstaunlich konstruktiv verlief, bereits gemerkt hatte, dass nicht nur bei mir ein Mitteilungsbedürfnis besteht, weshalb ich mich auch nicht zu sehr in den Mittelpunkt stellen wollte.

Ein interessanter Aspekt war auch, dass die sich selbst als „datenschutzkritisch“ bezeichnende Spackeria in den Worten von der oft als Leitfigur wahrgenommenen Julia ‚laprintemps‘ Schramm tatsächlich „beschlussfähig“ anwesend war und sich dementsprechend ebenso persönlich wie abstrakt in die Diskussion einbrachte, was den Teilnehmer Gero, der sich bisher selbst eher als Datenschützer gesehen hatte, dazu veranlasste, diese Bewegung in einem ganz anderen Licht wahrzunehmen, da er die dargestellten Positionen ebenfalls teilen konnte. Ja, auf eine besondere Art und Weise schien es den ‚Spackos‘ tatsächlich gelungen zu sein, durch ihre eigene Offenheit sich so viel authentischer zu präsentieren, als sie in der bereits von festen Fronten durchzogenen, medialen Diskussion jemals dargestellt wurden.

Einen für mich besonders interessanten Anstoß gab auch Julia selbst. Sie wollte nämlich ihre eigenen Krankheitserfahrungen nun überhaupt nicht als Schwäche bezeichnet sehen, für sie war es im Gegenteil ein Zeichen von Stärke, diese Erfahrung gemacht zu haben und sie nun mit anderen teilen zu können. Ich freute mich sehr über diesen Einwand, da diese Sichtweise mir einerseits nicht ganz fremd war, ich aber andererseits meine Krankheit durchaus häufig als Belastung sehe, wenngleich sie wie kaum ein anderer Faktor meine Persönlichkeit geprägt hat.

Schließlich machten wir auf Anregung von Julia noch eine Abschlussrunde, in der alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer, auch diejenigen, die bisher noch nichts gesagt hatten, noch einmal zu Wort kommen sollten, wie diese Runde auf sie gewirkt hatten. Die Kommentare waren durchweg positiv, es wurden auch noch weitere persönliche Schilderungen vorgetragen, genauso war aber auch von einigen Anwesenden zu hören, dass sie selbst noch keine vergleichbaren Erfahrungen gemacht hatten, es aber gerade deshalb spannend fanden, diese Einblicke zu bekommen.

Ich selbst weiß nicht, ob sich unsere Gesellschaft zu einer riesigen, auf gegenseitiger Akzeptanz beruhenden Art von Selbsthilfegruppe entwickeln kann, wie es der ,Ctrl-Verlust‘ – Blogger ,mspro‘ mit Verweis auf „The Empathic Civilization“, dem neuen Buch von Jeremy Rifkin, im Rahmen dieser kleinen, aber für mich und sicher auch für die anderen unvergesslichen Runde während der OpenMind 2011 nahegelegt hat, doch der Bedarf und die Faszination einer solchen Utopie ist für mich nunmehr offenkundig.

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Dr. Welding oder: Spar dir deine Küchenpsychologie

Bei „Wir Müssen Reden“, dem Podcast von Michael Seemann und Max Winde, war gestern Malte Welding zu Gast. Ehrlicherweise habe ich davon nur den Teil ab 02:50:00 gehört, in dem es vor allem um Julia Schramm geht, da ich von Antiprodukt erfuhr, dass dort psychische Krankheit als Argument herangezogen wurde. über den ebenfalls umstrittenen Rest kann ich also nichts sagen bzw. schon gar nicht urteilen.

Im besagten Abschnitt lässt Malte Welding ein paar Dinge los, die mal so gar nicht gehen. Er beginnt mit seinem Feldzug gegen die Kandidatin zur Parteivorsitzenden, indem er sie als unreif hinstellt:

„Wenn du da bei Twitter reinschaust, es ist als würdest du eine Dreizehnjährige lesen, die gerade irgendein Buch halb verstanden hat“

Sie solle doch „noch fünfzehn Jahre lernen“. Die Erklärung der Unmündigkeit, ein absolutes No-go, ist hier schon angedeutet und wird im folgenden von Malte Welding, der Julia Schramm nach eigenen Angaben gar nicht wirklich kennt, über eine unqualifizierte, scheinbare Tiefenpsychologie weiter vorangetrieben:

„Ich weiß nicht wie oft ich noch zusehen muss, wie dieses kleine Mädchen öffentlich geschlachtet wird und dann irgendwie keine Lust mehr hat und ne neue Essstörung aufpoppt oder sonst irgendwas, das, das ist, sie ist so fürchterlich ungesund, so greifbar ungesund, dieser Mensch, dass ich überhaupt nicht weiß, wie sich das antun kann, noch mehr Öffentlichkeit. Natürlich ist Teil ihrer Krankheit, dass sie diese Öffentlichkeit so manisch sucht, aber das tut ihr halt fürchterlich nicht gut, vielleicht sollte ihr Verlobter mal mit ihr reden und ähm, das ist grauenhaft. Also sie, sie, sie schreibt ja sogar da da drüber, dass sie das nicht erträgt oder dass sie das nicht lesen kann, die Reaktionen auf irgendwas und sie will in die Politik, aktiv, das ist ja grauenhaft, stell dir mal vor…“

Wenn ich mir überlege, was hier wirklich grauenhaft ist, fällt mir auch so einiges ein. Z.B., dass Malte Welding es so darstellt, als hätte es irgendwas mit kindischem Verhalten zu tun, wenn irgendjemand wirklich von einer Essstörung betroffen ist. Dass er einfach mal unterstellt, dass das bei ihr der Fall sein könnte. Dass er eine Frau, die er nicht einmal kennt, als „fürchterlich ungesund“ beschreibt. Dass er ihre Motivation für politisches Engagement und den Gang in die Öffentlichkeit haltlos als krankhaftes Verhalten darstellt, das von ihrem Partner doch bitte auszubremsen sei, als sei sie selbst nicht mehr in der Lage, das zu beurteilen. Dass er letztendlich einen Beschützerinstinkt gegenüber einer erwachsenen Frau vorheuchelt.

„Und wenn da ne politische Bewegung ist, die ich mit Interesse verfolge, und dann ist da halt jemand, der offensichtlich halt, naja, es ist halt, sie trägt es ja mit sich rum, ihre psychischen Probleme und Teil dieses psychischen Problems ist halt einfach ein unfassbar gesteigertes Aufmerksamkeitsbedürfnis und das is eben nicht so, ich glaube, dass wenn man sich das als gesunder Mensch ankuckt, für den ist das ein Shitstorm, für sie ist das, sie steht im Mittelpunkt mit irgendwas, es is nunmal einfach so, also diesen Persönlichkeitszug kannst du halt einfach relat… den musst du gar nicht groß hineinanalysieren, sondern darüber schreibt sie, ich mein, muss ich echt ne Parteivorsitzende haben, die ihr Gewicht irgendwo schreibt und sagt, dass sie jetzt mit ihrem Körper im Reinen ist, endlich, irgendwie und bla, das, ähm…“

Wieder diese unqualifizierten Ferndiagnosen. Dieses herrklären ihrer Psyche. Doch noch weiter geht er hier: Er stellt hier explizit ihr Urteilsvermögen als gegenüber einem „gesunde[n] Menschen“ (gesunden Malte?) reduziert hin, als problematischen Persönlichkeitszug. Er begibt sich in die Position des objektiven Beobachters, um mit scheinbar wissenschaftlicher Genauigkeit ihr subjektives, angeblich krankhaftes Verhalten zu erklären und überhöht sich somit ihr gegenüber.

Mit dem bekannten, reaktionären Scheinargument „Muss sowas wirklich sein?“ wird ihr völlig legitimer Umgang mit ihren Emotionen, einmal angenommen, dass er sich tatsächlich so zugetragen hat, darüberhinaus als unnormal und für eine Führungspersönlichkeit unangebracht gebrandmarkt.

„Ich beziehe mich darauf, dass sie über ihre Depressionen und so spricht und halt immer wieder merkbar wird, wie wahnsinnig sie offensichtlich betroffen ist von Sachen und ich frage mich, ob sie damit tatsächlich politikfest ist, weil, mit Sicherheit, wir müssen nicht darüber reden, wie, dass die Angriffe wirklich abartig und gestört sind, aber, ob sie substantiellerer Kritik dann tatsächlich was entgegenhalten kann, weil ich diese Substanz bei ihr im Grunde nicht sehe, und das ist, ich glaube, ich finde schon schade, wenn ne Partei wie die Piraten nicht jemand besseren dahaben könnte, persönlich oder sonstwas, du sagst, ich mag sie, wahrscheinlich ist das ein wahnsinnig netter Mensch, das ist überhaupt nicht mein Kritikpunkt, es ist einfach die Frage, ist die wirklich, also wenn ich mir sonstige Parteivorsitzende ankucke, is sie annähernd das Kaliber, und wenn ich da den aktuellen mir ansehe, der hat doch gestern nen ganz vernünftigen Artikel geschrieben, […] in der FAZ, über Nachhaltigkeit, da denk ich, sind sie doch irgendwie bedient, das ist doch ganz gut, und ich glaube, dass bei ein paar Leuten halt dieses, naja, gut, aber die ist immer in der Presse, oder die ist bei Markus Lanz und das tut uns allen gut, das ist halt ein fataler Irrtum.“

Bloß nicht die Muster durchbrechen, wie ein Vorsitzender gefälligst zu sein hat. Da muss man (im Hinterkopf natürlich Mann) ja hart sein, darf sich nicht angreifbar zeigen und schon gar nichts Persönliches von sich geben, was der Mainstream vielleicht nicht verstehen könnte.

Egal, ob Sebastian Nerz nun geeigneter ist oder nicht und unabhängig davon, wer den Posten bekommt, solche Bilder müssen abgelegt werden, wenn Strukturen aufgebrochen werden sollen.

Zum Schluss sieht sich Malte Welding plötzlich veranlasst, auf Kritik an seiner Argumentationsweise reagieren zu müssen:

„Ich kann die Qualifikation von Wulff in Frage stellen, ich kann die von von der Leyen in Frage stellen, was sie oft genug getan haben, ich kann von allen möglichen, ohne das ich auf twitter dafür angeranzt werde, …“

Ja, und es wäre auch sein gutes Recht, die Qualifikation von Julia Schramm als Parteivorsitzende in Frage zu stellen, genau wie von den anderen KandidatInnen. Aber nicht so, sondern wegen ihren Inhalten oder ihrer Rethorik oder sonstigen, legitimen Kriterien. Stattdessen wird sie aber lang und breit dafür angegriffen, was Malte Welding für ihre Persönlichkeit und ihre Psyche hält.

Ein Blick in den Kommentarbereich lässt noch tiefer in die Welding‘sche Logik blicken. Als Beweise für seine Pseudopsychoanalyse zeigt er stolz einen Tweet und einen Blogpost hervor, in denen Julia Schramm über Depression schreibt. Der zweite Fund wird sogar noch triumphierend mit „Moment, einen habe ich noch“ kommentiert. Ganz wie bei Fefe. Und zum Schluss darf natürlich das übliche ‚selbst schuld‘ nicht fehlen: „Post Privacy, anyone?“.

Was Malte Welding nicht in den Sinn kommt, ist, dass er damit rein gar nichts belegt, außer vielleicht eigene Vorbehalte gegen Menschen, die über psychische Probleme offen sprechen. Aus diesen Zitaten ergibt sich mitnichten irgendein Hinweis darauf, dass eine psychische Krankheit ihre politische Befähigung beeinträchtigen könnte.

Doch auch manch andere KommentatorInnen legen ähnliche Argumentationsmuster an den Tag:

„Ha ha, diese Post-Privacy Spackos sind ja wirklich lächerlich. Behaupten ständig, die Offenlegung privater Dinge hätte keine Auswirkungen, verwendet man aber irgendwas davon gegen sie, sind sie empört und beleidigt.“

Was hier offenbar auch nicht eingesehen wird, ist, dass Offenheit anderer keine Entschuldigung für eigenes Fehlverhalten darstellt. Sobald Informationen öffentlich sind, wird jegliche Notwendigkeit eines verantwortungsvollen Umgangs geleugnet.

Ich selbst bin ein Mensch, der unter psychischer Krankheit leidet, aber nichtsdestotrotz politisch aktiv sein und mit Problemen auch offen umgehen können möchte. Da ist es traurig, dass Menschen, sobald sie über Depression etc. schreiben, plötzlich nur noch darüber definiert werden und ihr Verhalten pathologisiert wird, ohne jegliche Grundlage. Deswegen schreibe ich diesen Artikel, nicht um für eine Kandidatin zu werben oder eine Partei vor unabhängigen Autoren zu beschützen (wer meine Tweets liest, weiß, dass ich selbst viele Vorgänge bei den Piraten kritisiere).

Ich will, dass niemand einer Norm eines sogenannten „gesunden Menschen“ entsprechen muss, um sich politisch zu engagieren. Ich will, dass Menschen mit psychischen Krankheitssymptomen nicht von außen erklärt wird, wer sie sind und warum. Ich will, dass Offenheit im Umgang mit Gefühlen nicht als Freibrief für unangemessenes Verhalten verstanden wird. Darüber müssen wir reden.

Den Hatern zum Trotz.

 

Update 23.03.2012 12:03: Malte Welding bittet nun in seinem Blog u.a. Julia Schramm um Verzeihung.

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