Integration – die Aufgabe aller

Endlos scheint sie, die Debatte um den werten Herrn Sarrazin, die zeitweise eher einer einzigen kostenlosen, medialen PR-Kampagne für sein kürzlich erschienenes Buch (das ich nicht vorhabe zu lesen) als einer kritischen Auseinandersetzung ähnelt. Grenzenlos wirkt auch die gesamtmediale Verweigerung, dies wenigstens zum Anlass zu nehmen, um auf einem vernünftigen Niveau über eine konkrete Ausgestaltung von Integrationspolitik zu diskutieren. Nein, stattdessen wird lieber darüber geredet, ob es sich um eine diktatorische Zensur handelt, wenn eine Kanzlerin es wagt, sich negativ über ein Schriftstück zu äußern oder ob sich eine Großbank tatsächlich erdreisten kann, bei der Besetzung ihrer Führungspositionen auch auf Konsequenzen für ihr öffentliches Ansehen zu achten. Schockschwerenot. Alles schreit plötzlich nach Meinungsfreiheit, dass man es sich doch nicht erlauben kann, die Sprechkanäle eines Mannes auch nur ein wenig zu beschneiden (Merke: Vorabdruck + ARD-Auftritte + kontroverse Diskussion = Hexenjagd), der ja angeblich nichts weiter tut, als die Ansichten des gemeinen Volkes widerzugeben, der es wage, auszusprechen, was andere nur denken.

Ja, er spricht sie aus, die Parolen über „die Muslime“, „die Migranten“, „die Ausländer“, mit denen sich anscheinend viele Menschen (jedoch sicher nicht „die Deutschen“) identifizieren können. Doch, mal ernsthaft, was haben wir davon? Bringt uns das irgendwie weiter, wenn wir gemeinsam den Hass auf irgendwelche Sündenböcke schüren? Wohl kaum. Die Herausforderung der Integration werden wir damit nicht bestreiten können. Sagte ich „wir“? Ja, denn Integration kann nicht, da mögen unsere Konservativen und Konsorten noch so laut schreien, nur als Aufgabe von Migrantinnen und Migranten verstanden werden, nein, es handelt sich um eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Wenn wir uns ein friedliches, aufgeschlossenes und gleichberechtigtes Mit- und Nebeneinander wünschen, so müssen wir auch alle für dieses Anliegen eintreten.

Doch stattdessen wird entspannt nach der Logik verfahren: „Ihr kommt aus dem Ausland, also seid ihr Gäste und habt euch so zu benehmen. Wenn ihr dazu gehören wollt, passt euch gefälligst an.“ Das halte ich allerdings für großen Unfug. Wir tun immer so, als gäbe es eine „Heimatkultur“, die ein prinzipielles Vorrecht habe gegenüber irgendwelchen „Fremdkulturen“. Doch welches Recht haben wir, irgendjemanden irgendeine Kultur vorzuschreiben? Wenn Menschen mit Migrationshintergrund bei uns leben, sind sie genauso Bewohnerinnen und Bewohner dieses Landes und haben genauso ein Recht auf ihre kulturellen Vorstellungen wie wir auch. Wenn nun einmal in einem bestimmten Viertel ein großer Anteil einen Migrationshintergrund hat, wer kann es ihnen verübeln, wenn sie ihr Umfeld nach ebendiesen, eigenen Vorstellungen einrichten? Ich würde auch soweit gehen, zu sagen: Warum sollten Kinder mit türkischen Sprachkenntnissen sich auch auf deutschen Schulhöfen nicht in türkisch unterhalten dürfen? Nur, weil uns das vielleicht befremdlich erscheint? Es wäre meiner Ansicht nach einfach nur weltfremd, da rumzugehen und zu sagen „Kinder, würdet ihr euch bitte auf Deutsch unterhalten, schließlich sind wir hier in Deutschland.“ Damit möchte ich natürlich nicht ausdrücken, dass BewohnerInnen von Deutschland nicht auch der deutschen Sprache mächtig sein sollten. Doch der Umgang auf dem Schulhof (anders als im Klassenzimmer) gehört genauso wie die kulturelle Teilnahme zum privaten Gestaltungsraum eines Menschen, den der Staat nicht direkt in vermeintlich erwünschte Bahnen lenken kann.

Dennoch sind wir immer wieder vor die Aufgabe gestellt, einer kollektiven Abgrenzung bestimmter Teile unserer Gesellschaft vom Rest in geeigneter Weise entgegenzuwirken. Abgrenzung darf aber nicht nur als Selbstabgrenzung verstanden werden, wie es leider allzu oft geschieht. So wird sich kaum leugnen lassen, dass es einiges an Resentiments gegenüber Menschen mit Migrationshintergrund gibt und natürlich schaffen auch diese ganz automatisch Abgrenzung, indem man sich z.B. lieber keine Wohnung in einem Viertel mit vielen Migrantinnen und Migranten zulegt, seine Kinder lieber nicht auf eine Schule mit vielen Migrantenkindern schickt oder Migrantinnen und Migranten, ob bewusst oder unbewusst, bei der Bewerbung benachteiligt. Ich will auch gar nicht abstreiten, dass Selbstabgrenzung ebenfalls stattfindet, aber wir müssen begreifen, dass beide Prozesse eine Rolle spielen und die Integration behindern.

Das wichtigste, das, was in der derzeitigen Diskussion leider auch am meisten ausgespart wird, ist die Frage danach, was genau getan werden kann, um die Situation zu verbessern. Hier gibt es zunächst einmal die individuelle Ebene, auf der es darum geht, offen und frei von Vorurteilen aufeinander zuzugehen – etwas, das von den Parolen, die wir derzeit wieder häufiger zu hören bekommen, geradezu torpediert wird (wobei natürlich bemerkt werden muss, dass es auch nicht soviel besser ist, wenn diese Parolen im Verborgenen schlummern und keiner darüber redet, allerdings sollten wir vernünftig darüber reden). Damit kommt auch gleich wieder die politische Ebene ins Spiel, auf der es eben auch darum geht, den Menschen auf beiden Seiten die Vorurteile, die sie gegen die jeweils anderen haben, zu nehmen. Gleichzeitig müssen auch konkrete Maßnahmen getroffen werden, um sie aufeinander zu zu bringen.

Wie ich bereits zuvor erwähnt habe, ist es völlig selbstversändlich, dass sich Migrantinnen und Migranten in Vierteln, in denen sie besonders stark vertreten sind, ihr eigenes kulturelles Umfeld schaffen. Wenn „Einheimische“ dennoch nicht den Zugang zu diesen Bezirken verlieren wollen, sondern im Gegenteil ein wirklicher, multikultureller Austausch stattfinden soll, so muss die Viertelbildung meines Ermessens generell kritisch unter die Lupe genommen werden. Der Wohnort ist schließlich mit eines der deutlichsten Belege entweder für Abgrenzung oder für ein vielfältiges Zusammenleben. Dies gilt nicht nur im Bezug auf Migration, sondern prinzipiell im Bezug auf soziale Schichten. Damit muss man es genauso kritisch betrachten, wenn sich Menschen aus den oberen Gesellschaftsschichten nur unter ihrersgleichen niederlassen und sich so ebenfalls von sozial schwächeren Bevölkerungsgruppen abgrenzen. Auch hier sind wieder einmal alle Teile der Gesellschaft gefordert, eine Veränderung herbeizuführen.

Daher ist es unumgänglich, dass wir uns von den Parolen, wie sie ein Herr Sarrazin oder die bekannte, niveaulose weiß auf rote „Zeitung“  verbreitet, lösen und nicht immer nur vom anderen verlangen, gefälligst den ersten Schritt zu machen.

„Sei Du selbst die Veränderung, die Du Dir wünschst für diese Welt.“ – Mahatma Gandhi

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6 Antworten zu Integration – die Aufgabe aller

  1. mullus schreibt:

    Alle paar Monate kocht dieses Thema hoch und scheitert immer wieder
    an den selben Sprachproblemen:
    Worum gehts denn, um die Deutschtümelnden ,
    die von Migranten Assimilierung fordern,
    und von aufgeklärten Bürgern, denen eine
    Integration genügt, mehr kann man im vereinten
    Europa nicht verlangen.
    Zur Assimilation nur kurz der Kernsatz aus Wiki:
    >Umstritten ist, ob es sich beim Konzept der Assimilation um ein gezieltes „Aufzwingen“ der Eigenschaften und Einstellungen der dominanten Gesellschaft („Dominanzkultur“) handelt oder ob Assimilation lediglich empirische Voraussetzung zur Erreichung gleicher Lebenschancen darstellt, ohne dass damit eine Wertung der Eigenschaften von Minderheiten verbunden wäre.<
    Bei einigen hier, ist ersteres das Ziel.
    Und das kann man doch wirklich nicht wollen!
    mullus

  2. stef schreibt:

    darf ich mal zitieren?
    „Ihr kommt aus dem Ausland, also seid ihr Gäste und habt euch so zu benehmen. Wenn ihr dazu gehören wollt, passt euch gefälligst an.“ Das halte ich allerdings für großen Unfug.

    Ich eigentlich nicht. Wenn man das Wort „gefälligst“ durch ein einfaches „bitte“ ersetzen würde, käme es dem, was ich mir wünschen würde, ziemlich nah.

    • questionatic schreibt:

      Warum muss unbedingt eine Anpassung stattfinden? Natürlich, an gewisse Grundregeln (Gesetze) müssen sich auch MigrantInnen halten, das gilt für sie nicht anders als für den ganzen Rest der deutschen Bevölkerung. Aber genauso, wie dir niemand eine bestimmte Kultur aufzwingen kann, wie dir niemand vorschreiben kann, welche Sprache du in deinem privaten Umfeld sprichst, genausowenig ist dies bei Migrantinnen und Migranten möglich.

  3. Pingback: Ein Auszug aus der Sarrazin Diskussion – sehr lesenswert – aber nicht so leicht zuverdauen ! « COOKING TILL DAWN

  4. stef schreibt:

    Du hast da was nicht richtig verstanden. Es geht nicht ansatzweise darum, welche Sprache jemand in seinem privaten Umfeld spricht. Es geht – unter anderem um solche Dinge : http://www.zitty.de/magazin-berlin/63190/

    Ich habe extra für Dich einen Artikel ausgesucht, der aus einem eher links-alternativen Blatt kommt. Die Zitty dürfte über jeden FASCHO-Verdacht erhaben sein. Viel Spaß beim lesen und verstehen.

  5. questionatic schreibt:

    @stef Die Probleme, die der Artikel beschreibt, kann man selbstverständlich nicht einfach ignorieren. Diese haben aber nichts mit fehlender Anpassung zu tun, sondern mit fehlender Toleranz. Toleranz kann und muss ich von Menschen mit Migrationshintergrund genauso einfordern wie von allen anderen Menschen, Anpassung dagegen nicht, ich habe kein Recht, von irgendjemandem zu verlangen, dass er sich mir oder einer deutschen Leitkultur anpasst, genauso, wie man von Atheisten nicht verlangen kann, an Gott zu glauben.

    Der Artikel beschreibt meines Ermessens auch keinen multikulterellen Zustand, sondern die Situation, dass sich in bestimmten Vierteln eine besonders von MigrantInnen geprägte und gelebte Leitkultur herausbildet, was für Integration ebenso schädlich ist wie eine „deutsche“ Leitkultur, weswegen ich schlicht jede Form von kultureller Norm ablehne.

    Der Text erwähnt aber auch explizit, dass es sich hier nicht um eine reine Selbstabgrenzung handelt, sondern dass das Wegziehen von Menschen ohne Migrationshintergrund eine große Rolle spielt. Dennoch möchte ich die schwierige Situation der betroffenen Familien nicht verharmlosen. Man muss Wege finden, die verschiedenen Kulturen aufeinander zuzubringen und sie zu gegenseitiger Toleranz zu erziehen. Die Schulpolitik spielt da meiner Ansicht nach eine entscheidende Rolle, evtl. werde ich mich in einem weiteren Artikel nochmal dazu äußern, für diesen Kommentar möchte ich es erstmal dabei belassen.

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