Nun sag, wie hast du’s mit den Tieren?

Julia Seeliger holt also in der Taz zum ganz großen Rundumschlag gegen sich für Tierrecht einsetzende oder auch nur darüber nachdenkende Menschen aus – und erhält deutlich Gegenwind, kein Wunder, spart sie doch nicht mit Vorwürfen gegen die genannte Personengruppe: „Radikal“, gar „faschistoid“ seien sie, „üble Gesell_innen“, die einer „schwammige[n] Kinderideologie“ bzw. „Bauchreligion“ anhängen und „Gedankengut“ verbreiten, „das dem Prinzip der Würde des Menschen und dem der Gleichheit diametral widerspricht“. Wow.

Die Belege, die sie für ihre Anschuldigungen liefert, lassen sich zweifellos nicht pauschal von der Hand weisen. Auch ich habe meine Probleme mit vielen Peta-Aktionen, die vor allem auf Effekthascherei und Provokation angelegt sind und dafür auch gerne das unfassbare Leid von in der Vergangenheit (und leider teilweise auch heute noch) diskriminierten Menschen quasi als Illustration ihrer politischen Botschaft heranziehen. Genauso ist auch mir bewusst, dass bestimmte religiöse Sekten Tierrechte auf eine sehr dogmatische Art und Weise einfordern. Aber Julia Seeliger reicht es nicht, das unverantwortliche Auftreten einzelner Gruppierungen zu Recht zu kritisieren, sie spricht gleich der ganzen Diskussion ihre Daseinsberechtigung ab. Eine Diskussion, ob auch Tiere oder bestimmte Arten von Tieren etwas individuell lebenswertes an sich haben könnten, führt ihrer Ansicht nach in einer intellektuellen Einbahnstraße direkt zur Relativierung der Menschenwürde.

Ist dem so? Ist die Idee von der Gleichheit und der Würde aller Menschen ein so labiles Konstrukt, dass die Frage nach Empfinden und Bewusstsein anderer Lebewesen es bereits in seiner Existenz bedroht? Ich hoffe nicht. Natürlich muss diese Idee verteidigt werden, aber müssen wir deshalb gleich jedes Bestreben nach einer Erweiterung unseres Weltbildes aufgeben? Denn hier nähern wir uns dem Kern des Problems: Julia Seeliger konstatiert TierrechtlerInnen ein „geschlossene[s] Weltbild“, aber wie sieht es mit ihrem eigenen aus? Für sie scheint es klar zu sein, dass außer dem Menschen kein anderes, individuell wertvolles Leben mehr existieren kann. Zeugt dies von Offenheit? Sie hat recht, wenn sie darauf verweist, dass wir keine „Pferdeflüsterer“ sind und wir uns daher nicht im Klaren sein können, was in Tieren vorgeht, aber woher nimmt sie ihre absolute Gewissheit, dass dort nichts ist, was menschlichem Empfinden auch nur im entferntesten nahe kommt? Oder birgt diese Frage bereits die Gefahr der Relativierung des Menschlichen, müssen wir sie beseite legen, entschieden verneinen, ohne ihre Antwort zu kennen, vielleicht im Wissen, es niemals wissen zu können, aber im Gewissen, dass nicht sein kann, was nicht sein darf? Julia Seeliger beschränkt sich laut eigener Aussage eigentlich auf das Praktische, und es ist natürlich überhaupt nichts dagegen einzuwenden, wenn sie bei ihrem Handeln den Menschen voll und ganz in den Mittelpunkt stellt. Wenn sie jedoch, wie es in ihrer Taz-Kolumne anklingt, bloße Denkrichtungen abwertet, wird sie nicht umhin kommen, sich auch theoretischen, philosophischen und damit grundsätzlichen Fragen zu stellen.

Des Weiteren möchte ich kurz auf ein spezielles Argument von ihr eingehen:

„Und was soll das eigentlich alles in einer Zeit, in der nicht nur in Somalia Menschen verhungern?“

Dieser Einwand ist sicher nicht unberechtigt. Jedoch ließe sich damit jede politische Aktivität, die nicht die Rettung von Menschenleben zum Ziel hat, als „Luxusproblem“ herunterspielen. Die oben beschriebene Fragestellung an sich greift dieses Argument gar nicht an, und nur um deren Relevanz geht es mir. Vieles an politischen Forderungen zu diesem Thema ist sicherlich überstürzt, und ich kann hier auch nichts konkretes anbieten. Persönlich bin ich zwar aus tierethischen Gründen Vegetarier (kein Veganer, vielleicht inkonsequent), aber das bleibt jedem selbst überlassen.

Gesamtgesellschaft können wir uns diesem Problem aber auch nicht komplett verschließen. Schon beim Thema Tierversuche geht es los. Selbst wenn diese nicht prinzipiell ausgeschlossen werden, stößt man auf umso mehr Fragen: Braucht es eine Einzelfallabwägung, was den Nutzen angeht? Aber wie soll ich abwägen, wenn ich Tiere von vornherein als wertlos erachte? Muss also alles erlaubt sein? Sollen auch Versuche an besonders hoch entwickelten Tieren möglich sein?

Julia Seeliger schreibt in einer Antwort auf einen Kommentar in ihrem Blog, dass sie „nichts gegen ein Verbot von Versuchen an Menschenaffen“, sie betont auch immer wieder, dass sie nicht für Tierquälerei sei. Wenn ich versuche, ihre Argumentation nachzuvollziehen, dann frage ich mich: Warum eigentlich? Wenn wir davon ausgehen, dass das Leben eines Tieres keinen individuellen Wert hat, was schützen wir dann, wenn wir Tiere schützen? Geht es nur darum, dass wir das Leiden intuitiv nicht mitansehen können und gleichzeitig die Artenvielfalt für uns und nur für uns erhalten wollen? Letzteres wäre sicherlich eine legitime Absicht. Aber was wollen wir dann Menschen moralisch entgegenhalten, die „nur“ einzelne Tiere quälen, ohne die Art an sich zu gefährden?

 

Update um 23:11 : Ein paar Formulierungen präzisiert.

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Eine Antwort zu Nun sag, wie hast du’s mit den Tieren?

  1. Clay Shentrup schreibt:

    I see nothing inappropriate about the analogy between animal suffering (particularly in factory farms) and the misery endured by human beings during the holocaust. The severity of the suffering of non-human animals is certainly not diminished by their lesser intellects. There is an animal holocaust going on all around us, and Peta is doing a good job of using whatever publicity tactics it has to in order to increase awareness and concern. I happen to think they’re doing a pretty good job.

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