Berlin – Vom Wahlkampf zur Wahlparty

„90 Sekunden noch.“ Die Anspannung, aber auch die Vorfreude ist allen Anwesenden ins Gesicht geschrieben. Es ist Sonntag, der 18.09.2011, 17.58 Uhr, und ich befinde mich in einer restlos überfüllten Area im Szeneclub Ritter Mutzke in Berlin-Kreuzberg bei der Wahlparty der Piratenpartei.

Angereist am Mittwoch, den 14.09., habe auch ich noch einen kleinen Beitrag zum bisher wichtigsten und mit Abstand erfolgreichsten Wahlkampf der Piratenpartei Deutschland leisten können. So zog ich mit meinem Gastgeber, Martin Haase, und weiteren Berlinern sowie von weit her angereisten Piraten quer durch Schöneberg, um dort Flyer mit Kurzwahlprogrammen und „Kaperbrief[e]“, die „Piratenzeitung zu Berlin“, unter den Passanten zu verteilen. Viele gingen, wie bei der Begegnung mit Straßenwahlkämpfern allgemein üblich, kopfschüttelnd weiter, andere drehten sich kurze Zeit später um und meinten nur: „Ach von den Piraten? Ja da muss ich mich doch mal informieren!“ Wir profitierten natürlich von der Medienaufmerksamkeit der Tage zuvor. Wohl kaum hätte es sonst so viele Leute gegeben, die die Zeitung direkt freundlich entgegennahmen und uns teilweise noch viel Erfolg wünschten. Denjenigen, die uns schon sicher im Parlament wähnten, versuchten wir immer wieder deutlich zu machen, dass uns diese Haltung auch gefährlich werden könnte, nämlich dann, wenn die Menschen ihre eigene Stimme nicht mehr für wichtig nehmen. Treffend lautete daher auch die Kernbotschaft des, aufgrund von kurzfristig eingetroffenen Spendengeldern noch gebuchten, U-Bahn-Werbespots: „Vertrau keiner Umfrage – wähle selbst!“.

Von der Überzeugungsarbeit auf der Straße einmal abgesehen durfte ich noch weitere Aktionen miterleben, z.B. war ich als Gallionsfigur eines motorbetriebenen Bootes haut- bzw. ‚holznah‘ beim Flottentreffen der Piraten am Freitag auf der Spree vor dem Ufer des Treptower Parks dabei, wo uns zuvor beim Picknick noch die Jungliberalen mit ihrem Slogan „Schulden stoppen – Piraten entern“ letzten Endes nicht sehr erfolgreich zu trollen versuchten. Am selben Abend gab es am Boxhagener Platz noch DJs und Beatboxer zu hören, die zu unserer Unterstützung vor dem hölzernen Straßenschiff der Piraten wirklich glänzende Auftritte ablieferten. Waren wir gerade unterwegs, wurde auch immer wieder die Gelegenheit genutzt, die Sticker mit der Aufschrift „26 Alle Stimmen für Piraten“ (die 26 stand für den Listenplatz, was im offiziellen Werbespot mit „auf deinem Wahlzettel ganz unten“ ironisch kommentiert wurde) auf unsere Plakate anzubringen, um mit diesen sogenannten „Störern“ noch einmal deutlich zu machen, dass sowohl die Erst- und Zweitstimme für das Abgeordnetenhaus als auch die Stimme für die Bezirksverordnetenversammlung für uns wichtig waren. Am Sonntagmorgen stand dann noch der monatliche politische Brunch der Berliner Piraten an, der diesmal entsprechend groß ausfiel und dessen Teilnehmerzahl daher die reservierten sechs Plätze in der „Alte[n] Mensa“, einem Restaurant in Lichtenberg, hoffnungslos überstieg, was einen Teil zum weiterziehen in eine andere Örtlichkeit zwang.

Dort unterhielten wir uns noch eine Weile, bis wir schließlich zum Ort der Wahlparty in der Ritterstraße aufbrachen. Hier waren bereits die Vorbereitungen in vollem Gang und die ersten Presseleute schon eingetrudelt. Die verbleibende Zeit bis zum offiziellen Beginn habe ich u.a. genutzt, um mit ein paar weiteren Piraten etwas beim Vorbereiten der Schnittchen zu helfen. Die gerade angekommenen Journalisten fragten auch ab und zu jemanden von uns, was für ein Ergebnis wir erwarten oder ob wir auch irgendwo kandidiert hätten (was bei mir natürlich nicht der Fall war). Ins Zentrum des sich füllenden Raumes rückte neben der Bühne immer mehr die Leinwand, auf der die Wahlsendung mit Jörg Schönenborn übertragen wurde, während dazwischen schon wieder fleißig Interviews gegeben wurden.

Und dann waren es auf einmal nur noch zehn Sekunden bis zur ersten Prognose des Wahlergebnisses, die von den Anwesenden mit der entsprechenden Euphorie herunter gezählt wurden. Nach den noch vergleichsweise ruhig aufgenommenen Erwartungswerten für SPD, CDU und Grüne folgte angesichts der herben Verluste der FDP der erste große Jubel, und mit der Vorhersage von 8,5 % für die Piratenpartei brachen überall Freudenschreie aus, Umarmungen waren genauso zu sehen wie Glückwünsche für diejenigen, die bereits sicher einziehen würden, während Pressevertreter an die Bilder gelangten, auf die sie gewartet hatten.

Im Laufe des Abends folgten natürlich immer genauere Hochrechnungen, bis wir schließlich das vorläufige amtliche Endergebnis mit 8,9 % Zweitstimmenanteil vor uns sahen, die den Einzug der gesamten Landesliste mit ihren 15 Mitgliedern bedeuteten. Doch zuvor standen noch die Reden von u.a. Gerhard Anger, dem Berliner Landesvorsitzenden, der das Ergebnis nur mit „krass“ zu beschreiben wusste, oder Rickard Falkvinge, dem Gründer der schwedischen „Piratpartiet“, der vor allem die Bedeutung dieses zweiten großen Erfolges (nach dem Einzug eines Piraten ins europäische Parlament) für die internationale Piratenbewegung betonte. Für Erheiterung im Publikum sorgte noch der Auftritt eines angeblichen Berliner Fahrkartenkontrolleurs, der danach als Kabarettist des Quatsch Comedy Clubs geoutet wurde.

Durch die Berichterstattung trafen auch noch weitere Gäste ein, unter denen sich etwa Sascha Lobo, Markus Beckedahl und Carsten van Ryssen, einem Reporter der Satiresendung „Heute Show“, mitsamt Kamerateam, befanden. Während im benachbarten Tanzsaal Piratenbrillen verteilt wurden, wurden manche der nunmehr im Mittelpunkt der Berichterstattung stehenden Vertreterinnen und Vertreter der Piraten von Interviewanfragen überhäuft.

Zurück bleibt das Gefühl, einen historischen Moment miterlebt und mitgestaltet zu haben, und die Hoffnung, zusammen mit den anderen Mitgliederinnen und Mitgliedern der Piratenpartei nun endlich ‚klar zum Ändern‘ zu sein.

Danke an Gernot G. und Jan B. für die Anregung zu diesem Text und zudem an Jan B. für seinen Ergänzungsvorschlag.

Updates: Von mir selbst missinterpretierte und daher missverständliche Formulierung entfernt.

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2 Antworten zu Berlin – Vom Wahlkampf zur Wahlparty

  1. BRK_BeWild schreibt:

    Schöner Text. Ein Link zu dem Auftritt des „Fahrkartenkontrolleurs“ (sofern das überhaupt gefilmt wurde) wäre noch ganz nett gewesen. War bestimmt was zum Lachen :-)

  2. Pingback: Piratenpartei Unterfranken » Berlin – Vom Wahlkampf zur Wahlparty

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