Damit das Netz nicht vergisst…

Die Aussage, ‚das Internet‘ vergesse nichts, sollte nicht zu der leichtfertigen Annahme verleiten, alle Informationen, die wir einmal einspeisen, seien für alle absehbare Zeit verfügbar (wobei damit wohl meist nur das WWW gemeint ist, was selbst ja nur einen Teil des Internets darstellt, aber darauf will ich jetzt nicht weiter eingehen). In Wahrheit darf sie höchstens als Hinweis betrachtet werden, dass es meist so kommen könnte. Was wir ob der gewohnten Präsenz von Google gerne übersehen, ist, dass eine Information nur solange als verfügbar betrachtet werden kann, wie interessierte User in der Lage sind, die zugehörigen Datensätze zu finden und in eine ‚menschenlesbare‘ Form zu übersetzen. Alles unter der Voraussetzung, dass es überhaupt noch Interessierte daran gibt. Andernfalls bleibt höchstens noch die Hoffnung, dass jemand zufällig darüber stolpert, was aber auch nur bei einer hinreichend dichten Vernetzung realistisch ist. Daten, die zwar noch irgendwo gespeichert und theoretisch öffentlich zugänglich sind, die aber schlicht kein Mensch mehr findet, können getrost als „vergessen“ bezeichnet werden. Ganz analog zum menschlichen Erinnerungsvermögen, bei dem man sich an vieles, was vergessen wurde, theoretisch wieder erinnern könnte, würde einem nur der passende Gedanke durch den Kopf gehen.

Die Möglichkeit, sich im Dickicht des immer schneller wachsenden Webs zurechtzufinden, ist daher nichts geringeres als einer der größten Eckpfeiler unserer ganzen Informationsgesellschaft. Die Verfügbarkeit von immer mehr Speicherkapazitäten und von Anschlüssen mit immer höheren Bandbreiten sorgt schon heute dafür, dass nicht nur mehr das verbreitet wird, was bereits relevant erscheint, sondern alles, was irgendwann für irgendjemand relevant werden könnte. Das ist aber so ziemlich alles, was uns täglich begegnet und bewegt. Denn niemand weiß, welch kleines Fragment einmal Bestandteil eines komplexen Gesamtbildes werden kann. Damit diese Unmenge an Daten angemessen genutzt werden kann, um daraus etwas neues zu schaffen, sind Filter vonnöten, die die für eine konkrete, individuelle Anfrage relevanten Informationen in eine übersichtliche Ordnung bringen. Dies geht über die klassische Funktionsweise einer Suchmaschine hinaus, die nur zum Ziel hat, passende Einzelinhalte vorzusortieren. Wollen wir nämlich die Potentiale der heutigen Vernetzung wirklich voll ausnutzen, sollte es darüber hinaus für Otto-Normal-User auch möglich sein, auf Wunsch eine große Anzahl von Quellen in einer vorgegebenen Art und Weise automatisiert auszuwerten. Die Erfassung und Strukturierung aller öffentlich verfügbaren Inhalte ist aber in jedem Fall von zentraler Bedeutung.

Es ist daher umso fataler, sollten wir glauben, diese Aufgabe im Wesentlichen einem einzigen Konzern überlassen zu können. Wenn jeder Versuch, Alternativen zu schaffen, von vornherein als lächerlich und aussichtslos bezeichnet wird. Wenn selbst eine ‚Lichtgestalt‘ wie Jimmy Wales es nicht schafft, die nötigen Kräfte dafür zu mobilisieren. Und, wenn nun auch ‚Mutter Google‘ persönlich aufhört, diese Herausforderung als Kerngeschäft zu verstehen, wie es mspro in seinem neuesten „ctrl+verlust“-Eintrag behauptet, der auch den Anstoß für diesen Artikel gab.

Dabei gäbe es so viele Punkte, an denen angesetzt werden könnte. So stellen Links zwar bis heute die zentrale Ordnungsstruktur des WWW dar, doch könnten sich ganz neue Möglichkeiten ergeben, würden automatisch weitere Zusammenhänge erkannt. Google sucht immerhin mittlerweile auch nach Synonymen der in der Anfrage verwendeten Wörter. Aber (um jetzt mal ganz naiv ein paar Spinnereien aufzulisten) ich fände es z.B. hochinteressant, wenn irgendwann Muster in Bildern, Videos und Tondateien erkannt, verglichen und verwendet würden, um zusätzliche Beziehungen zwischen einzelnen Seiten und Dokumenten ausfindig zu machen (tineye zeigt einen bemerkenswerten, wenn auch noch ausbaufähigen, Ansatz auf). Oder wenn hierzu Textelemente auch aus Rastergrafiken und gesprochenen Quellen extrahiert würden.

Das mögen Gedankenspiele sein, die bei der Vielzahl an solchen Inhalten flächendeckend kaum zu realisieren scheinen. Aber das sollte niemanden davon abhalten, solche Ansätze im kleinen auszuprobieren, genauso wenig wie die übermäßige Marktmacht von Google. Denn angesichts der Geschwindigkeit, mit der auch heute schon nicht sofort aufgegriffene Inhalte unter den Tisch fallen, sind Innovationen unerlässlich, die uns aufzeigen, wie wir die Fülle an gespeicherten Daten nutzbar machen können. Ansonsten werden wir feststellen, wie vergesslich eine Gesellschaft auch trotz eines noch so dicht vernetzten digitalen Gedächtnisses sein kann.

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