Dr. Welding oder: Spar dir deine Küchenpsychologie

Bei „Wir Müssen Reden“, dem Podcast von Michael Seemann und Max Winde, war gestern Malte Welding zu Gast. Ehrlicherweise habe ich davon nur den Teil ab 02:50:00 gehört, in dem es vor allem um Julia Schramm geht, da ich von Antiprodukt erfuhr, dass dort psychische Krankheit als Argument herangezogen wurde. über den ebenfalls umstrittenen Rest kann ich also nichts sagen bzw. schon gar nicht urteilen.

Im besagten Abschnitt lässt Malte Welding ein paar Dinge los, die mal so gar nicht gehen. Er beginnt mit seinem Feldzug gegen die Kandidatin zur Parteivorsitzenden, indem er sie als unreif hinstellt:

„Wenn du da bei Twitter reinschaust, es ist als würdest du eine Dreizehnjährige lesen, die gerade irgendein Buch halb verstanden hat“

Sie solle doch „noch fünfzehn Jahre lernen“. Die Erklärung der Unmündigkeit, ein absolutes No-go, ist hier schon angedeutet und wird im folgenden von Malte Welding, der Julia Schramm nach eigenen Angaben gar nicht wirklich kennt, über eine unqualifizierte, scheinbare Tiefenpsychologie weiter vorangetrieben:

„Ich weiß nicht wie oft ich noch zusehen muss, wie dieses kleine Mädchen öffentlich geschlachtet wird und dann irgendwie keine Lust mehr hat und ne neue Essstörung aufpoppt oder sonst irgendwas, das, das ist, sie ist so fürchterlich ungesund, so greifbar ungesund, dieser Mensch, dass ich überhaupt nicht weiß, wie sich das antun kann, noch mehr Öffentlichkeit. Natürlich ist Teil ihrer Krankheit, dass sie diese Öffentlichkeit so manisch sucht, aber das tut ihr halt fürchterlich nicht gut, vielleicht sollte ihr Verlobter mal mit ihr reden und ähm, das ist grauenhaft. Also sie, sie, sie schreibt ja sogar da da drüber, dass sie das nicht erträgt oder dass sie das nicht lesen kann, die Reaktionen auf irgendwas und sie will in die Politik, aktiv, das ist ja grauenhaft, stell dir mal vor…“

Wenn ich mir überlege, was hier wirklich grauenhaft ist, fällt mir auch so einiges ein. Z.B., dass Malte Welding es so darstellt, als hätte es irgendwas mit kindischem Verhalten zu tun, wenn irgendjemand wirklich von einer Essstörung betroffen ist. Dass er einfach mal unterstellt, dass das bei ihr der Fall sein könnte. Dass er eine Frau, die er nicht einmal kennt, als „fürchterlich ungesund“ beschreibt. Dass er ihre Motivation für politisches Engagement und den Gang in die Öffentlichkeit haltlos als krankhaftes Verhalten darstellt, das von ihrem Partner doch bitte auszubremsen sei, als sei sie selbst nicht mehr in der Lage, das zu beurteilen. Dass er letztendlich einen Beschützerinstinkt gegenüber einer erwachsenen Frau vorheuchelt.

„Und wenn da ne politische Bewegung ist, die ich mit Interesse verfolge, und dann ist da halt jemand, der offensichtlich halt, naja, es ist halt, sie trägt es ja mit sich rum, ihre psychischen Probleme und Teil dieses psychischen Problems ist halt einfach ein unfassbar gesteigertes Aufmerksamkeitsbedürfnis und das is eben nicht so, ich glaube, dass wenn man sich das als gesunder Mensch ankuckt, für den ist das ein Shitstorm, für sie ist das, sie steht im Mittelpunkt mit irgendwas, es is nunmal einfach so, also diesen Persönlichkeitszug kannst du halt einfach relat… den musst du gar nicht groß hineinanalysieren, sondern darüber schreibt sie, ich mein, muss ich echt ne Parteivorsitzende haben, die ihr Gewicht irgendwo schreibt und sagt, dass sie jetzt mit ihrem Körper im Reinen ist, endlich, irgendwie und bla, das, ähm…“

Wieder diese unqualifizierten Ferndiagnosen. Dieses herrklären ihrer Psyche. Doch noch weiter geht er hier: Er stellt hier explizit ihr Urteilsvermögen als gegenüber einem „gesunde[n] Menschen“ (gesunden Malte?) reduziert hin, als problematischen Persönlichkeitszug. Er begibt sich in die Position des objektiven Beobachters, um mit scheinbar wissenschaftlicher Genauigkeit ihr subjektives, angeblich krankhaftes Verhalten zu erklären und überhöht sich somit ihr gegenüber.

Mit dem bekannten, reaktionären Scheinargument „Muss sowas wirklich sein?“ wird ihr völlig legitimer Umgang mit ihren Emotionen, einmal angenommen, dass er sich tatsächlich so zugetragen hat, darüberhinaus als unnormal und für eine Führungspersönlichkeit unangebracht gebrandmarkt.

„Ich beziehe mich darauf, dass sie über ihre Depressionen und so spricht und halt immer wieder merkbar wird, wie wahnsinnig sie offensichtlich betroffen ist von Sachen und ich frage mich, ob sie damit tatsächlich politikfest ist, weil, mit Sicherheit, wir müssen nicht darüber reden, wie, dass die Angriffe wirklich abartig und gestört sind, aber, ob sie substantiellerer Kritik dann tatsächlich was entgegenhalten kann, weil ich diese Substanz bei ihr im Grunde nicht sehe, und das ist, ich glaube, ich finde schon schade, wenn ne Partei wie die Piraten nicht jemand besseren dahaben könnte, persönlich oder sonstwas, du sagst, ich mag sie, wahrscheinlich ist das ein wahnsinnig netter Mensch, das ist überhaupt nicht mein Kritikpunkt, es ist einfach die Frage, ist die wirklich, also wenn ich mir sonstige Parteivorsitzende ankucke, is sie annähernd das Kaliber, und wenn ich da den aktuellen mir ansehe, der hat doch gestern nen ganz vernünftigen Artikel geschrieben, […] in der FAZ, über Nachhaltigkeit, da denk ich, sind sie doch irgendwie bedient, das ist doch ganz gut, und ich glaube, dass bei ein paar Leuten halt dieses, naja, gut, aber die ist immer in der Presse, oder die ist bei Markus Lanz und das tut uns allen gut, das ist halt ein fataler Irrtum.“

Bloß nicht die Muster durchbrechen, wie ein Vorsitzender gefälligst zu sein hat. Da muss man (im Hinterkopf natürlich Mann) ja hart sein, darf sich nicht angreifbar zeigen und schon gar nichts Persönliches von sich geben, was der Mainstream vielleicht nicht verstehen könnte.

Egal, ob Sebastian Nerz nun geeigneter ist oder nicht und unabhängig davon, wer den Posten bekommt, solche Bilder müssen abgelegt werden, wenn Strukturen aufgebrochen werden sollen.

Zum Schluss sieht sich Malte Welding plötzlich veranlasst, auf Kritik an seiner Argumentationsweise reagieren zu müssen:

„Ich kann die Qualifikation von Wulff in Frage stellen, ich kann die von von der Leyen in Frage stellen, was sie oft genug getan haben, ich kann von allen möglichen, ohne das ich auf twitter dafür angeranzt werde, …“

Ja, und es wäre auch sein gutes Recht, die Qualifikation von Julia Schramm als Parteivorsitzende in Frage zu stellen, genau wie von den anderen KandidatInnen. Aber nicht so, sondern wegen ihren Inhalten oder ihrer Rethorik oder sonstigen, legitimen Kriterien. Stattdessen wird sie aber lang und breit dafür angegriffen, was Malte Welding für ihre Persönlichkeit und ihre Psyche hält.

Ein Blick in den Kommentarbereich lässt noch tiefer in die Welding‘sche Logik blicken. Als Beweise für seine Pseudopsychoanalyse zeigt er stolz einen Tweet und einen Blogpost hervor, in denen Julia Schramm über Depression schreibt. Der zweite Fund wird sogar noch triumphierend mit „Moment, einen habe ich noch“ kommentiert. Ganz wie bei Fefe. Und zum Schluss darf natürlich das übliche ‚selbst schuld‘ nicht fehlen: „Post Privacy, anyone?“.

Was Malte Welding nicht in den Sinn kommt, ist, dass er damit rein gar nichts belegt, außer vielleicht eigene Vorbehalte gegen Menschen, die über psychische Probleme offen sprechen. Aus diesen Zitaten ergibt sich mitnichten irgendein Hinweis darauf, dass eine psychische Krankheit ihre politische Befähigung beeinträchtigen könnte.

Doch auch manch andere KommentatorInnen legen ähnliche Argumentationsmuster an den Tag:

„Ha ha, diese Post-Privacy Spackos sind ja wirklich lächerlich. Behaupten ständig, die Offenlegung privater Dinge hätte keine Auswirkungen, verwendet man aber irgendwas davon gegen sie, sind sie empört und beleidigt.“

Was hier offenbar auch nicht eingesehen wird, ist, dass Offenheit anderer keine Entschuldigung für eigenes Fehlverhalten darstellt. Sobald Informationen öffentlich sind, wird jegliche Notwendigkeit eines verantwortungsvollen Umgangs geleugnet.

Ich selbst bin ein Mensch, der unter psychischer Krankheit leidet, aber nichtsdestotrotz politisch aktiv sein und mit Problemen auch offen umgehen können möchte. Da ist es traurig, dass Menschen, sobald sie über Depression etc. schreiben, plötzlich nur noch darüber definiert werden und ihr Verhalten pathologisiert wird, ohne jegliche Grundlage. Deswegen schreibe ich diesen Artikel, nicht um für eine Kandidatin zu werben oder eine Partei vor unabhängigen Autoren zu beschützen (wer meine Tweets liest, weiß, dass ich selbst viele Vorgänge bei den Piraten kritisiere).

Ich will, dass niemand einer Norm eines sogenannten „gesunden Menschen“ entsprechen muss, um sich politisch zu engagieren. Ich will, dass Menschen mit psychischen Krankheitssymptomen nicht von außen erklärt wird, wer sie sind und warum. Ich will, dass Offenheit im Umgang mit Gefühlen nicht als Freibrief für unangemessenes Verhalten verstanden wird. Darüber müssen wir reden.

Den Hatern zum Trotz.

 

Update 23.03.2012 12:03: Malte Welding bittet nun in seinem Blog u.a. Julia Schramm um Verzeihung.

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9 Antworten zu Dr. Welding oder: Spar dir deine Küchenpsychologie

  1. Astra schreibt:

    Word! Im übrigen ist es hanebüchen depressive Stimmungen, die jeder Mensch ab und zu mal hat, so einfach zu nem Krankheitsbild zusammenzufantasieren und Julia zudem noch eine Esstörung anzudichten. Christopher Lauer darf übrigens ganz ungestört offen darüber sprechen, dass er ADHS (oder ADS?) hat. Aber der ist ja schon groß und erwachsen. Achja, und ein Mann natürlich.

  2. pell schreibt:

    Das ist ziemliche Hysterie hier.

    Ihre Tweets erwecken den Anschein, dass sie häufiger mit depressiven Episoden zu kämpfen habe. Ich weiß nicht, wie sehr Du Dich mit dem Krankheitsbild „Depression“ befasst hast, aber unter diesen Umständen darf tatsächlich in Frage gestellt werden, ob sie die richtige Person für das Amt ist. Mehr sagte Welding nicht. Er hat eine politische Figur, die für ein Amt kandidiert anhand ihrer öffentlichen Aussagen kritisiert.. Muss er sie persönlich kennen, um das tun zu dürfen? Wie irrsinnig ist das denn?

    Des Weiteren, wenn ihr von Ferndiagnosen sprecht, und dann ADHS und Depressionen auf eine gleiche Stufe stellt, sehe ich die Hobbypsychologie an anderer Stelle. ADHS ist eine angeborene Störung, Depression nicht. ADHS kann man nicht loswerden, Depressionen lassen sich in den meisten Fällen behandeln.

    • questionatic schreibt:

      Menschen dürfen nicht aufgrund depressiver Symptomatik von politischen Positionen ausgeschlossen werden. Wo Probleme entstehen, haben Gesellschaft und politische Organisationen ein Problem und sind in der Pflicht, nicht die Betroffenen.
      Zu deinem zweiten Absatz: Wo habe ich denn ADHS und Depression „auf eine gleiche Stufe“ gestellt? Im Gegenteil, ich habe mich in Reaktion auf Astra bewusst wenig zum Thema ADHS geäußert, weil ich davon nicht genug Ahnung habe.

      • okrinom schreibt:

        Politische Positionen werden von Personen bekleidet, die den Anforderungen körperlich und psychisch genügen müssen. Zu einem Parteivorsitz und ähnlichen Positionen gehört aus meiner Sicht psychische Belastbarkeit und Stabilität. Man kann daher durchaus legitimerweise der Meinung sein, dass eine depressive Symptomatik eine Person ungeeignet macht für ein Amt.

      • pell schreibt:

        Sie wird doch nicht ausgeschlossen. Sie hat sich doch aufgestellt und es wird demokratisch entschieden, wer dieses Amt übernehmen wird. Kritik an ihrer Kandidatur darf dennoch geübt werden.
        Entschuldige, ich habe Deinen Kommentar bezüglich ADHS missverstanden.

  3. Dirk schreibt:

    Zunächst einmal glaube ich, dass ein viel zu großes Spektakel um einen Plauderpodcast gemacht wird. Es ist kein Zeitungsartikel oder ähnliches, hier wird gequatscht, sinnvoll und sinnlos. Außerdem kann nicht sinnvoll argumentiert werden, da ja ständig, mitten im Satz/Gedanken, andere dazwischen reden. Und Malte hat hält einfach mal ein paar Gedanken formuliert und rausgehauen. Man sollte das nicht auf die Goldwaage legen!

    Zum zweiten. Ich habe Malte so verstanden, dass er meint, dass Julia Probleme hat mit Kritik souverän umzugehen. Alles persönlich nimmt und eine dünne Haut hat. Das geht vermutlich den meisten Menschen so und ist ja auch nichts schlimmes. Doch stellt sich dann tatsächlich die Frage, ob der Parteivorsitz für sie dann wirklich der richtige Posten ist. Sehr wahrscheinlich werden die Angriffe gehen sie und die Kritik an ihr nur noch heftiger. Wird sie damit umgehen können? Dies war, das ich im Kern bei Malte verstand. Am Ende müssen und werden die Piraten das selbständig und souverän entscheiden.

  4. Elly schreibt:

    Reblogged this on ellysetta und kommentierte:
    +1

  5. nachtSonnen schreibt:

    Danke für Deinen Post … es wäre schön, wenn eine psychische Erkrankung/Problem nicht mehr als Makel angesehen wird.

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