Meine „Zwangsstörung“

Triggerwarnung: Zwangssymptome, unter anderem mit sexuellem Hintergrund

Ich schreibe vor allem in der Vergangenheit, weil die typische Symptomatik einer „Zwangsstörung“ heute bei mir keine allzu große Rolle mehr spielt. Wahrscheinlich liegt das vor allem an der Medikation, die ich nehme (Sertralin) und an der vergangenen jahrelangen Therapie bei einem Jugendpsychiater.

Die beiden charakteristischsten Gruppen von Symptomen sind Zwangsgedanken und Zwangshandlungen. Bei Zwangsgedanken dachte ich (an) Dinge, (an) die ich nicht denken wollte. Oftmals habe ich bewusst, aber meist erfolglos und kontraproduktiv, versucht, diese Gedanken zu unterbinden. Manchmal habe ich mich über mich selbst erschrocken, dass ich sowas denke. Und häufig habe ich mich allein für diese Gedanken schuldig gefühlt. Zwangshandlungen dagegen sind Dinge, die ich aufgrund des inneren Zwangs tun musste. Bis ich diese Handlungen erfüllt hatte, konnte ich oft nicht aufhören, daran zu denken, hatte auch häufig Schuldgefühle und habe befürchtet, dass schlimme Dinge passieren, wenn ich es nicht tue.

Ich kann mich nicht mehr genau erinnern, wann die ersten Symptome losgingen. Was ich jedenfalls schon relativ früh hatte (weit bevor die Diagnose gestellt wurde oder ich wusste, was eine „Zwangsstörung“ überhaupt ist), mindestens schon in der Grundschule, waren Zwangsgedanken, die sich z.B. gegen meinen damaligen Glauben richteten oder bei denen ich rein gedanklich unfreiwillig Wetten mit schlimmen Einsätzen ‚abgeschlossen‘ habe.

Auch in der Grundschule hatte ich die Zwangshandlung, dass ich meinen Eltern v.a. nach der Schule alles mögliche beichten musste, was oft in Konflikt damit geriet, dass mir auch vergleichsweise viele Dinge peinlich waren.

Da ich mit meinen Eltern in einem Reihenhaus mit Gasheizung lebte, hatte ich auch sehr lange häufig Angst, dass Gas austreten und es zu einer Explosion kommen könnte. Deswegen kam es oft zu einem Kontrollzwang, nämlich, dass ich meine Eltern dazu anhielt, zu prüfen, ob im Heizraum alles ok ist. Ich hab selbst ständig in den Räumen mit Gasleitungen gerochen, ob ich den dem Heizgas beigemischten Geruchsstoff wahrnehme. Bei solchen Kontrollzwängen hab ich im Nachhinein oft meiner eigenen Erinnerung oder Wahrnehmung nicht getraut, was zu Sorgen und Nachkontrollen führte. Mit der Zeit kamen weitere Kontrollzwänge hinzu, wie z.B. ob Wecker richtig gestellt sind, ob das Licht nach dem Verlassen eines Raumes aus ist, ob die Schultasche richtig gepackt ist. Besonders tückisch waren Kontrollzwänge, bei denen ich Sorgen hatte, dass ich etwas Schlimmes oder Gefährliches bemerkt, v.a. gesehen, hatte. Es gab Zeiten, in denen ich an keinem Auto vorbeigegehen konnte, ohne hineinzusehen, ob darin etwas Schlimmes ist. Einmal hatte ich Angst, gesehen zu haben, dass sich der an der Decke in einem Klassenzimmer befestigte Fernseher bewegt habe. Bevor ich mich traute, das meiner Lehrerin zu sagen, habe ich mir Vorwürfe gemacht, dass ich, wenn ich es nicht tue, Schuld bin, wenn der Fernseher runterfällt und ein Mensch verletzt wird.

Irgendwann hat sich auch ein Wasch- bzw. Putzzwang entwickelt (einen Ordnungszwang hatte ich aber nie). Dabei hatte ich dann z.B. bei Anfassen bestimmter Dinge (auch z.B. Batterien) ein Gefühl von ’schmutzigen‘ Händen und zum Teil Sorge, Keime oder giftige Stoffe zu übertragen bzw. auf Flächen zu hinterlassen, die andere Menschen berühren könnten. Aber auch mögliche Spuren eigenen Spermas nach Masturbation bereiteten mir Sorgen (ich weiß nicht mehr genau, in welchen Zeiträumen das eine Rolle spielte), eines der besonders stark mit Schamgefühlen belegten Symptome.

Viel geholfen hat mir 2006 ein dreimonatiger stationärer Aufenthalt in der Jugendpsychiatrie in Würzburg. Dort begann dann auch meine Medikation. Mein Waschzwang war danach nahezu überwunden und auch die anderen Sachen wurden besser. Ein bis zwei Jahre nach dem Aufenthalt habe ich wegen der Verbesserung in Absprache mit meinem Jugendpsychiater die Medikation wieder abgesetzt.

2009 kam es zu einem starken ‚Rückfall‘, der vor allem auch mit dem enormen Druck zu tun hatte, den ich mir selbst wegen meiner Facharbeit am Gymnasium machte. Zum Ende der Arbeit hatte ich enorme Ängste, Fehler bei den Quellenangaben gemacht zu haben. Das ging soweit, dass ich mich nach Abgabe einige Zeit lang nicht mehr traute, in die Arbeit hineinzusehen, aus Angst, dass mir ein Fehler ‚ins Gesicht springt‘ (Redewendung). Dennoch hatte ich in den Wochen nach der Abgabe immer wieder Sorgen, dass etwas falsch ist und nachträglich korrigiert werden muss. Als ich meinem Psychiater die Facharbeit einige Zeit später per Email geschickt habe, habe ich ihn darauf hingewiesen, dass er mich unter keinen Umständen über Fehler, gleich welcher Art, informieren soll. Dies würde nur meinen Zwang wieder auslösen, schrieb ich.

Leider kam in der Zeit nach der Abgabe viel von meiner Zwangssymptomatik zurück, vor allem Kontrollzwänge. Es war heftig. Ich kann mich gut erinnern, dass ich einmal mit dem Fahrrad außerhalb der Stadt unterwegs war und alle paar Meter anhalten musste, weil ich Angst hatte, etwas bedenkliches gesehen zu haben. Ich war verzweifelt und wusste gar nicht mehr, wie ich so überhaupt noch heim kommen sollte.

Dank häufigerer Therapiesitzungen in der Krisenzeit und Wiederaufnahme der Medikation, die seither bis heute anhält, ließ sich dieses Ausmaß wieder eindämmen. Ich habe allerdings auch eine Ferienarbeit, die ich 2010 zwischen Schule und Studium in einer Elektronikfabrik machte, ein paar Tage vorzeitig wegen psychischer Belastung abgebrochen. Ich hatte während der Arbeit unter anderem Angst, dass ich einen Fehler machen könnte, aufgrund dessen die Sicherheitselektronik in einem zukünftigen Auto versagt. Am letzten Tag war ich dann so mit den Nerven durch, dass ich das Gefühl hatte, nicht mehr überblicken zu können, was ich gerade tue.

In meiner Studienzeit spielten und spielen Zwangshandlungen und Zwangsgedanken keine mit den zuvor geschilderten Zeiten vergleichbare Rolle mehr. Es gibt aber Situationen, in denen ich merke, dass das Risiko weiterhin besteht. Es gibt Verhaltensweisen, die für mich weiterhin völlig normal scheinen und die sich auf Zwangssymptome zurückführen lassen. Z.B. versuche ich nach dem Zudrehen einer Flasche diese noch weiter zuzudrehen, obwohl ich schon gespürt habe, dass sie zu ist. Ebenso gehe ich davon aus, dass meine Probleme damit, schnelle Entscheidungen zu treffen, damit zu tun haben. Was wiederum wahrscheinlich neben anderen Faktoren zu meinen Schwierigkeiten bei der Auswertung physikalischer Versuche an der Uni beiträgt. Formulare/Anträge auszufüllen finde ich auch immer sehr unangenehm, weil ich mir Sorgen mache, Falschangaben zu machen und deswegen Probleme zu bekommen. Ich denke, vor allem nach den Erfahrungen in der Elektronikfabrik, dass einige (Erwerbs-) Tätigkeiten auf absehbare Zeit für mich nicht in Frage kommen werden, weil die psychische Belastung und vor allem die Rückfallgefahr zu hoch wären. Wie es ohne Medikation aussähe, weiß ich nicht, ich habe aber auch erstmal nicht vor, das auszuprobieren. Schließlich ging das letztendlich schonmal schief.

Im Moment ist „Zwangsstörung“ meine einzige Diagnose. Ich bin aber skeptisch, ob sich meine psychischen Probleme allein damit beschreiben lassen. Vor allem was plötzliche Anfälle von Hoffnungslosigkeit und meine Schwierigkeiten in der sozialen Interaktion angeht, denke ich, dass da noch anderes in Frage kommt. Das hoffe ich in naher Zukunft noch besser abklären zu können.

Dieser Text besteht aus drei Antwortteilen (eins, zwei und drei), die ich auf eine Frage von @TheGurkenkaiser bei ask.fm gegeben habe.

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Eine Antwort zu Meine „Zwangsstörung“

  1. mdbdesignblog schreibt:

    Kenn ich nur zu gut… :-(

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